Nicole Graf: „Der Homeoffice-Anteil ist von der Funktion abhängig“

Für die Rektorin der DHBW Heilbronn ist die Zukunft der Arbeitswelt flexibel. Auf dem KI-Campus Ipai zeige sich, was alles möglich ist. Und: Woran man die Wertschätzung der Mitarbeiter sonst noch erkennt.

Von Lisa Könnecke, Foto: Nico Kurth

Auf dem neuen Campus von Lidl Deutschland in Bad Wimpfen stehen Gebäudeteile leer, weil Mitarbeiter der Schwarz-Gruppe von zu Hause arbeiten dürfen und diese Möglichkeit vielfach nutzen. Der Technologiekonzern Bosch stoppt in Leonberg ein großes Bauprojekt, weil er zu viele Büroflächen in der Region Stuttgart hat. Die Verdopplung des Homeoffice-Anteils im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie wirkt sich inzwischen merklich auf den Flächenbedarf von Arbeitgebern aus. Die Heilbronner DHBW-Rektorin Professor Nicole Graf ordnet die Entwicklung ein.


Der Homeoffice-Anteil ist nach der Pandemie stabil geblieben ist. War das zu erwarten?

Nicole Graf: Es gibt mehrere Ebenen des Themas. Wer als attraktiver Arbeitgeber im Kampf um die besten Köpfe punkten will, muss seinen Mitarbeitern die Möglichkeit eröffnen, zumindest teilweise im Homeoffice zu arbeiten. Gleichzeitig stellt sich die Frage, welche Bedürfnisse und Vorstellungen ein Unternehmen hat und ob das Thema zur jeweiligen Kultur passt. Was ich sagen kann: In jedem der 700 Partner-Unternehmen der DHBW Heilbronn ist Homeoffice ein Thema.

Deutschland liegt mit einem Homeoffice-Anteil von 24,2 Prozent zwar etwas über dem EU-Schnitt. Die Niederlande sind aber Spitzenreiter mit 53,2 Prozent. Es gibt also noch deutlich Luft nach oben, oder?

Graf: Zunächst sei festgehalten: Nur ein kleiner Teil der Branchen und Berufe sind für mobiles Arbeiten geeignet. Wer zum Beispiel in der Produktion oder in der Pflege arbeitet, erbringt seine Tätigkeiten vor Ort oder am Menschen – und meist ohne zeitliche Flexibilität.


Das gilt in den Niederlanden auch, trotzdem ist dort der Homeoffice-Anteil deutlich höher.

Graf: In den Niederlanden ist die Kultur eine andere. Deutschland ist eher konservativ, was neue Arbeitsformen angeht, es gibt sicher Luft nach oben. Gleichzeitig ist die Annahme falsch, dass junge Menschen nur noch im Homeoffice arbeiten möchten. Wir haben teilweise sogar eine gegenteilige Entwicklung. Gerade Berufsanfänger, die Monate des Homeschoolings in der Pandemie hinter sich haben, wünschen sich häufig reale soziale Kontakte in ihrem Arbeitsumfeld.

Welcher Homeoffice-Anteil ist Ihrer Meinung nach sinnvoll?

Graf: Die ideale Mischung ist sehr stark abhängig von der Funktion. Bei Bürotätigkeiten mit wenig sozialer Interaktion wie Buchführung oder Programmierung ist der Bedarf an persönlichen Kontakten niedriger als in Tätigkeiten, bei denen es zum Beispiel um Kreativität geht. Deshalb ist es sinnvoll, wenn Teams die Bedingungen für die Arbeit im Homeoffice innerhalb eines gewissen Rahmens selbst aushandeln. Fest steht: Für die Kultur eines Unternehmens ist es wichtig, dass Mitarbeiter einen Hafen haben. Sonst wird ein Arbeitgeber beliebig austauschbar.

Wie sollte ein solcher Hafen aussehen?

Graf: Die Attraktivität des Arbeitsplatzes ist hier das große Thema, denn die Grenzen zwischen privatem und beruflichem Umfeld verschwimmen immer mehr. Das gilt für den Arbeitsplatz, aber auch für die Workation – der Begriff bezeichnet das Arbeiten von einem Urlaubsland aus.


Was können Firmen tun, um das Arbeitsumfeld attraktiv zu gestalten?

Graf: Es geht zum Beispiel darum, gemeinschaftliche Flächen in Unternehmen zu haben, in denen sich die Mitarbeiter gern aufhalten, auch zum Arbeiten. Für sogenannte dritte Orte oder Coworking Spaces ist das Unternehmensumfeld ideal. Kantinen oder Betriebscafés sind tolle Orte der Begegnung. An deren Gestaltung und der Qualität des Essensangebots erkennt man auch die Wertschätzung des Arbeitgebers gegenüber den Arbeitnehmern. Deshalb haben inzwischen auch nahezu alle großen Unternehmen in der Region investiert und ihre gastronomischen Bereiche aufgewertet.


Ist das der Trend?

Graf: Das ist ein Trend. Spannend wird sein zu sehen, welche Art von Coworking Spaces im Heilbronner KI-Park Ipai entstehen und wie diese angenommen werden. Da wird der Idealtypus eines Arbeitsplatzes für die jüngere Generation gebaut, das ist wie ein Reallabor. Gleichzeitig muss man im Blick haben, wie man die Älteren, also die Generation der Babyboomer und die Generation X, integriert. Es geht auch zwischen den Generationen um Diversität.


Und dann ist da noch das große Thema Arbeitskräftemangel.

Graf: Es ist klar, dass wir das Thema nicht lokal lösen können. Deshalb stellt sich die Frage, wie man in Zukunft Arbeit besser über geografische Distanzen – auch über Ländergrenzen hinweg – organisieren kann. Vor Ort wird es dann darum gehen, die Mitarbeiter über attraktive Räume an das Unternehmen zu binden. Für diejenigen, die weiter weg sind, geht es um Führung über die Distanz.

Was denken Sie: Blüht dem Ipai in Sachen Leerstände dasselbe Schicksal wie dem Campus von Lidl Deutschland in Bad Wimpfen?

Graf: Das ist eine spannende Frage. Aber ich glaube das eigentlich nicht. Dort wird nicht gearbeitet, wie in einem Rechenzentrum oder nur programmiert. Auf dem KI-Campus geht es meiner Wahrnehmung nach sehr stark um die Entwicklung neuer Ideen und Geschäftsmodelle. Dafür braucht man Kreativität, und man arbeitet viel gemeinsam, zum Beispiel in Workshops.


Die Frage nach künftigen Flächenbedarfen stellt sich aber generell schon. Was sagen Sie?

Graf: Unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit ist es vielleicht gar nicht schlecht, wenn Unternehmen weniger Arbeitsflächen vorhalten müssen. Zumal die junge Generation sich noch in anderer Hinsicht Flexibilität wünscht. 59 Prozent der jungen Talente sagen in einer Studie, dass sie sich eine Mischung aus Homeoffice und Büroarbeit wünschen – und viele wollen diese Mischung innerhalb einer Vier-Tage-Woche, also mit einem Pensum von 80 Prozent erbringen.

Info:

Rektorin an der DHBW