Eine Studie des TUM Campus Heilbronn untersucht, wie der Eigentumsanteil von Frauen und ihre Entscheidungsmacht mit der strategischen Ausrichtung kleiner und mittlerer Unternehmen zusammenhängen. Die Ergebnisse zeigen Unterschiede beim Umsatzwachwachstum, bei der Liquidität sowie bei der Gewichtung wirtschaftlicher und sozialer Ziele.
In einer aktuellen Studie haben Miriam Bird, Professorin für Entrepreneurship and Family Enterprise am TUM Campus Heilbronn, und ihr Co-Autor Dr. Jannis von Nitzsch, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, untersucht, wie sich der von Frauen gehaltene Eigentumsanteil und die damit verbundene Entscheidungsmacht auf die Firmenstrategie auswirken.
Analyse von fast 43.000 Unternehmen
Mithilfe der internationalen Datenbank Orbis untersuchten Bird und von Nitzsch zunächst, wie sich Umsatzwachstum und Liquidität bei fast 43.000 kleinen und mittleren Unternehmen aus Spanien, Frankreich und Italien zwischen 2011 und 2019 entwickelt hatten. In einem zweiten Schritt analysierten sie mehr als 25.000 historische Firmenwebsites aus einem Internetarchiv: „Wir haben geschaut, wie stark in der Unternehmenskommunikation soziale beziehungsweise ökonomische Ziele betont wurden. Dabei haben wir beispielsweise Begriffe erfasst, die mit Fürsorge, gesellschaftlicher Verantwortung oder sozialem Nutzen verbunden sind.“ Schließlich führten die Forschenden noch Interviews mit ausgewählten Firmeneigentümerinnen und -eigentümern: „Wir haben sie gefragt, welche Ziele sie verfolgen. Eigentümerinnen antworteten besonders häufig, sie wollen Kunden helfen, Wissen vermitteln, sich um Menschen kümmern oder das Tierwohl bewusst fördern – und stellten diese Ziele oft über wirtschaftlich attraktive Alternativen.“
Mehr Liquidität und weniger Wachstum
Bird fasst die wichtigsten Ergebnisse zusammen: „Je höher der von Frauen gehaltene Eigentumsanteil, desto deutlicher die Unterschiede in der strategischen Ausrichtung des Unternehmens. Diese Firmen wachsen im Durchschnitt weniger stark beim Umsatz, verfügen aber über höhere Liquiditätspuffer.“ Aus Birds Sicht sind das keine Nachteile, sondern einfach ein Beleg, dass Frauen oft andere strategische Prioritäten setzen als Männer. „Eine höhere Liquidität kann einem Unternehmen mehr Sicherheit und Stabilität geben – besonders wenn der Umsatz zurückgeht oder unerwartete Krisen wie COVID-19 eintreten. Gleichzeitig kann eine vorsichtigere Verteilung der verfügbaren Ressourcen dazu führen, dass manche Wachstumschancen langsamer genutzt werden.“
Eine weitere zentrale Erkenntnis: Unternehmen mit einem hohen Frauenanteil unter den Eigentümerinnen und Eigentümern orientieren sich stärker an sozialen und weniger stark an ökonomischen Zielen. Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang, wenn Frauen gemeinsam mehr als 50 Prozent der Eigentumsanteile besitzen: „Eigentum ist mit Entscheidungsmacht verbunden, und wenn Frauen gemeinsam mehr als die Hälfte der Anteile halten, verfügen sie normalerweise in privaten Unternehmen über eine Mehrheit und können zentrale strategische Entscheidungen durchsetzen“, erklärt Bird.
Zusammensetzung der Eigentümerteams
Wäre also eine paritätische Geschlechterverteilung im Eigentümerteam ideal, damit ein Unternehmen gleichzeitig wächst, mit seinen finanziellen Ressourcen besonnen umgeht sowie soziale und nachhaltige Ziele verfolgt? Eine solche Schlussfolgerung möchte Bird nicht ziehen: „Das würde über unsere Ergebnisse hinausgehen. Wir wollen nicht zeigen, dass es eine optimale Frauen- oder Männerquote gibt, sondern dass die Zusammensetzung der Eigentümerteams und besonders die Verteilung der Entscheidungsmacht die strategische Orientierung des Unternehmens stark beeinflussen können. Welche Zusammensetzung im konkreten Fall ideal ist, hängt davon ab, welche Ziele das Unternehmen verfolgt.“
Auch bei der Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Länder bleibt Bird vorsichtig: „In unserer Studie untersuchen wir Frankreich, Italien und Spanien, weil dort traditionelle Geschlechterrollen stärker ausgeprägt sind als zum Beispiel in skandinavischen Ländern. Wir weisen deshalb darauf hin, dass die beobachteten Effekte möglicherweise eine Obergrenze darstellen und in egalitären Gesellschaften schwächer ausfallen könnten. Deshalb wäre ich auch vorsichtig damit, die Ergebnisse auf Deutschland zu übertragen, weil in den untersuchten Ländern möglicherweise andere Mechanismen wirken als bei uns.“
Trotzdem sieht sie in ihrer Studie einen hohen praktischen Nutzen: „Es sollte nicht nur darauf geschaut werden, wer Eigentümer ist, sondern auch, wie die Entscheidungsmacht verteilt ist. Es macht einen großen Unterschied, ob Frauen zusammen 10 oder 50 Prozent der Anteile halten, denn Eigentumsanteile sind mit strategischen Prioritäten verbunden. Für Investoren kann das ein Hinweis darauf sein, welche strategische Orientierung das Unternehmen verfolgt – hinsichtlich Liquidität, Wachstum oder sozialer Wertschöpfung.“
Und noch etwas liegt Bird besonders am Herzen: „Das allgemeine Verständnis von Erfolg ist immer noch sehr stark auf Wachstum ausgelegt. Umso wichtiger finde ich es, zu zeigen, dass Frauen als Eigentümer weder besser noch schlechter führen, sondern andere strategische Schwerpunkte setzen. Gerade in der aktuellen Debatte über die Grenzen des Wachstums sollte man sich immer wieder bewusst machen, dass es jenseits der Umsatzsteigerung noch andere wichtige Ziele gibt, die eine Unternehmerin oder ein Unternehmer verfolgen kann – etwa positiv auf die Gesellschaft zu wirken.“
Der Artikel ist Open Access verfügbar: von Nitzsch, J., & Bird, M. (2026). Women own differently: How women’s decision-making authority shapes owner teams‘ strategic choices in private firms. Strategic Entrepreneurship Journal, 1–29. https://doi.org/10.1002/sej.70043