Der Kreis schließt sich

Erkenntnisse aus dem Global Technology Forum – mit April Wang, Professorin für Bildungstechnologie an der ETH Zürich

Wie unterhaltsam Lehre sein kann, erleben die Studierenden der ETH Zürich in den Vorlesungen von Bildungstechnologie-Professorin April Wang. Wenn sie nicht den akademischen Weg eingeschlagen hätte, wäre sie heute wahrscheinlich Komikerin. Auch in ihrem Forschungsgebiet, der Mensch-Computer-Interaktion, geht es um Unterhaltung – allerdings zwischen Künstlicher Intelligenz und Nutzern.

Mit Heilbronn verbindet die junge Professorin gute Erinnerungen: „Bevor ich im November 2023 an die ETH Zürich kam, bin ich direkt von den USA zum ersten GTF vor drei Jahren nach Heilbronn gereist. Das war meine erste Station im deutschsprachigen Raum, noch bevor es nach Zürich ging.“ Ihre Promotion erhielt sie an der amerikanischen University of Michigan in Ann Arbor. Selbst rückblickend fröstelt es sie bei dem Gedanken an die Stadt noch: „In Michigan schneit es sechs Monate im Jahr. Ich musste jeden Morgen früh aufstehen und mein Auto vom Schnee befreien.“  

Auch von Zürich ist es nicht weit bis zu den schneebedeckten Gipfeln der Alpen, trotzdem sind die Wetterbedingungen dort wesentlich angenehmer. Der Wechsel an die ETH, hat sich nicht nur temperaturtechnisch ausbezahlt: „Bei der Gründung meiner eigenen Forschungsgruppe erhielt ich viel Unterstützung. Das Umfeld ist geprägt von Freiheit und Autonomie“, sagt sie. Doch nicht nur sie profitiert, auch die eidgenössische Hochschule bekam durch ihren Neuzugang eine frische Perspektive: „An der ETH gibt es viel Forschung in Mathematik und in den Grundlagen von Sprachmodelle – für mich ist jedoch immer der Teil spannend, der sich mit der Anwendung auf den Menschen befasst.“

Ein Blind Date mit Pascal

Damit schließt sich ein Kreis, denn: „Ich habe mich vom ersten Tag an in das Programmieren verliebt.“ Und von den unzähligen Programmiersprachen war ausgerechnet Pascal die erste, die sie lernte. „In der Mittelschule habe ich an einem Sommer-Coding-Camp teilgenommen, in dem mir Pascal beigebracht wurde. Das ist die Programmiersprache, die an der ETH von einigen meiner Kollegen entwickelt wurde. Es ist, als wäre ich jetzt wieder dort, wo ich in der Welt des Codings angefangen habe“, blickt sie zurück.

Das mathebegeisterte Mädchen von damals beschäftigt sich heute mit dem Schreiben von Codes, um Algorithmen auszuführen und Hypothesen zu überprüfen. „Es ist großartig, eine Anwendung zu entwickeln und dann zu sehen, wie die Leute sie ausprobieren. Vielleicht interessiere ich mich deshalb mehr für die Mensch-Computer-Interaktion als für die Entwicklung von Systemen oder Kernalgorithmen.“

Damit kristallisiert sich auch schnell Bildungstechnologie als Forschungszweig für Wang heraus: „Künstliche Intelligenz verändert die Art und Weise, wie die Welt der Programmierung funktioniert. Es geht nicht mehr nur darum, wie man schneller programmiert, sondern wie man den Menschen helfen kann, langsamer, aber selbstständiger zu denken.“ Denn mit KI lassen sich Aufgaben zwar schneller lösen, doch die Frage bleibt, ob dies durch blindes Vertrauen in den elektronischen Helfer oder mit eigener Denkleistung erbracht wurde.

Treppe statt Aufzug

Wang sieht darin eine Gefahr für die nächste Generation: „Ich wandere gerne in der Schweiz. Wenn ich nur noch den Aufzug auf einen Berg nehme und nicht mehr die Treppe, schwächt das meine Muskeln.“ Zumal bei der Abkürzung auch Erfolgserlebnisse ausbleiben und so langfristig der Spaß am Lernen sinkt. „Der Mensch erweitert sein Wissen durch Versuch und Irrtum.“

Als Wissenschaftlerin versucht sie, diese Hypothese messbar zu machen: „Mich interessiert, wie ich die biometrischen Signale sammeln kann, die uns zeigen, ob sich die Studentinnen und Schüler wirklich mit dem Prozess beschäftigen.“ Deshalb versucht sie mit ihrem Team, viele Verhaltensdaten darüber zu sammeln, wie die Interaktion aussieht. Langfristig wollen sie diese Daten auch mit Informationen über die emotionalen Reaktionen der Nutzerinnen kombinieren.

Die Büchse der Pandora öffnen

Jedes Ende ist dabei ein neuer Startpunkt, aber ein Element bildet die Grundlage: „Wenn wir versuchen, eine Forschungsfrage zu lösen, öffnen wir die Büchse der Pandora und es entstehen zehn neue, interessante Fragen, die es zu beantworten gilt.“ Antworten bekam und erhofft sie sich von den Forschenden aus aller Welt während des Global Technology Forums und im Anschluss daran: „Ich habe dort viele Gleichgesinnte getroffen, mit denen ich meine Forschungsergebnisse geteilt und Feedback eingeholt habe – wir wollen langfristige Kooperationen aufbauen.“ 

Die infrastrukturellen Herausforderungen durch den neu gegründeten Campus der ETH Zürich in Heilbronn fließen auch in ihre Lehre ein: „In meinem Masterstudiengang ‚Designing Educational Technology‘ stelle ich den Studierenden in einer Art semesterlangen Hackathon die Aufgabe, die beiden Standorte Zürich und Heilbronn mithilfe von KI-Technologie ideal zu verknüpfen.“ Auch Humor steht auf ihrem Lehrplan: „In meinen Vorlesungen erzähle ich gerne Witze, und wenn ich eines Tages in Rente gehe, werde ich vielleicht Talkshow-Moderatorin“, sagt sie und lacht. Lehre kann sehr unterhaltsam sein – besonders bei April Wang.

Melden Sie sich für unseren Newsletter an!