Von Redaktion, Foto: Stadt Heilbronn
Die klassische Heilbronner Stadtbibliothek wird immer digitaler. Ihr neuester Zuwachs: ein Chatbot, der in 19 Sprachen den Weg durch den Mediendschungel weist. Bibliothekarin Claudia Kocyba hat die digitale Transformation über drei Jahrzehnte miterlebt – und sieht in ihr nicht das Ende, sondern eine Neuerfindung des klassischen Bücherorts.
Der typische Bibliotheksgeruch – diese einzigartige Mischung aus altem Papier, Buchbinderleim und der leisen Erwartung auf Entdeckungen – liegt in der Luft. Zwischen den Regalen bewegt sich Claudia Kocyba mit der Sicherheit eines Menschen, der hier zu Hause ist. Seit 1992 navigiert sie durch die Gänge der Heilbronner Stadtbibliothek, kennt jeden Winkel, jede thematische Ecke. In dieser Zeit hat sie miterlebt, wie Karteikarten zu Datenbanken wurden, wie CD-ROMs kamen und gingen, wie E-Books von einer futuristischen Idee zur Selbstverständlichkeit avancierten.
„Ich bin selbst eine meiner besten Kundinnen“, sagt sie mit einem Lächeln, das Erfahrung und Begeisterung gleichermaßen verrät. „Zwei Bücher pro Woche schaffe ich immer und mit den digitalen Angeboten entdecke ich ständig Neues.“ Diese Neugier hat sie durch die digitalen Umbrüche getragen, während um sie herum manche Kolleginnen und Kollegen deutschlandweit den Untergang des Abendlandes befürchteten, als die ersten E-Reader auftauchten.
Der neueste digitale Mitarbeiter der Bibliothek passt in keine Schublade und braucht keinen Schreibtisch: Ein Chatbot, der den gesamten Medienbestand durchsucht, in 19 Sprachen antwortet und seine Konversation intelligent fortsetzt. Er ist kein Produkt von der Stange, sondern wurde in Zusammenarbeit der Bereiche Digitalisierung, Kommunikation und dem Bibliotheksteam entwickelt – ein digitales Gemeinschaftswerk.
„Ich habe nach bestimmten Büchern gefragt und sofort Cover und Link bekommen“, berichtet Kocyba von ihren ersten Tests. Was sie besonders schätzt: „Er passt sich sprachlich an. Bei komplexen Fragen gibt es differenzierte Antworten, in Alltagssprache bleibt er locker.“ Man spürt: Hier spricht keine Technik-Skeptikerin, sondern eine Frau, die die Vorzüge beider Welten kennt.
Die Metamorphose der Heilbronner Bibliothek begann früh. Schon 2009, als das iPhone gerade zwei Jahre alt war und Netflix in Deutschland noch DVDs per Post verschickte, konnten die Heilbronner digital Bücher ausleihen. Seitdem ist das Angebot organisch gewachsen: LinkedIn Learning für berufliche Weiterbildung, LinguaTV und Phase6 für Sprachhungrige, PressReader für Zeitungsfans und filmfriend für Cineasten. Ein umfassendes digitales Ökosystem für 24 Euro Jahresgebühr.
Wer Kocyba durch die Bibliothek folgt, erlebt eine Reise zwischen den Welten. Hier die traditionellen Regale mit sorgfältig sortierten Büchern, dort die Computerarbeitsplätze, an denen Menschen in digitalen Katalogen stöbern. Die Grenzen verschwimmen zunehmend, genauso wie in Kocybas eigenem Leseverhalten. Den Thriller „Tod am Everest“ las sie digital, während sie für Sachbücher oft zum gedruckten Exemplar greift.
„Mit einem Buch verschenkt man ja nicht nur Papier, sondern eine ganze Welt, eine Idee, ein Gefühl“, sagt sie nachdenklich. Gleichzeitig schätzt sie die praktischen Vorteile digitaler Medien: Suchfunktionen, sofortige Verfügbarkeit, kein Weg in die Stadt. In einer Zeit, in der alles immer und überall verfügbar sein soll, bietet die Bibliothek einen demokratischen Zugang zu Wissen – analog und digital.
Es ist ein sonniger Nachmittag in Heilbronn. In der Bibliothek sitzen Menschen jeden Alters: Studierende mit Laptops, Rentner mit Zeitungen, Kinder, die in Bilderbüchern blättern. Der neue Chatbot mag unsichtbar sein, aber er ist nur ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte dieses Ortes. Für Kocyba ist klar: „Bibliothek ist für mich vor allem Begegnung – Menschen treffen, Gespräche führen, helfen und beraten. Das kann man digital zwar auch, aber ein echtes Lächeln zählt dann doch um einiges mehr als ein virtueller Gruß.“
Die Bibliothek der Zukunft, wie sie sich in Heilbronn bereits abzeichnet, ist kein entweder-oder. Sie ist ein sowohl-als-auch. Ein Ort, an dem Bücher und Bytes, Papier und Pixel, Tradition und Innovation nebeneinander existieren. Und mittendrin Menschen wie Claudia Kocyba, die seit über 30 Jahren Brücken bauen – zwischen Lesern und Büchern, zwischen analog und digital, zwischen gestern und morgen.