Mit VR und KI gegen Suchterkrankungen

Von Redaktion, Foto: HHN

Virtual Reality für die Alkoholsuchttherapie? Was nach Science-Fiction klingt, ist das Forschungsprojekt der ersten Trägerin des Ursula Ida Lapp Promotions-Stipendiums an der Hochschule Heilbronn. Eine Geschichte über technologische Innovation, die echte menschliche Probleme lösen will.

Die Virtuelle Realität hat längst mehr zu bieten als bunte Spielwelten und architektonische Rundgänge. In den Laboren der Hochschule Heilbronn entstehen digitale Räume, die nicht nur beeindrucken, sondern heilen sollen. Veronika Landhäußer, Absolventin des Studiengangs Software Engineering an der HHN, hat sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Mit VR-Brillen will sie die Alkoholsuchttherapie revolutionieren.

Für dieses Vorhaben erhält sie nun als erste Wissenschaftlerin das Ursula Ida Lapp Promotions-Stipendium – eine Auszeichnung, die mit monatlich 1.800 Euro dotiert ist und über drei Jahre eine Gesamtförderhöhe von bis zu 100.000 Euro erreichen kann. Die Unterstützung kommt vom Stuttgarter Unternehmen LAPP, einem Anbieter für Kabel- und Verbindungstechnologie, das gezielt Frauen im MINT-Bereich fördern will.

Bei der feierlichen Übergabe der Stipendienurkunde brachte Matthias Lapp, CEO der LAPP Gruppe, die Motivation auf den Punkt: „Mit dem Stipendium fördern wir herausragende Leistungen von promovierenden Wissenschaftlerinnen“, erklärte er laut einer Mitteilung der Hochschule Heilbronn. „Es ist uns ein großes Anliegen, Frauen im männerdominierten MINT-Bereich zu unterstützen, denn hier steckt großes, noch ungenutztes Potenzial für die Innovationskraft Deutschlands.“

Die Geschichte hat etwas Symbolisches: Eine Firma, gegründet von einer Pionierin, fördert die nächste Generation von Pionierinnen. Ursula Ida Lapp, Namensgeberin des Stipendiums, gründete gemeinsam mit ihrem Mann Oskar 1959 das Unternehmen, das heute weltweit rund 5.800 Mitarbeitende beschäftigt und einen Umsatz von über 1,8 Milliarden Euro erwirtschaftet. Sie brach in eine Männerdomäne ein, genau wie es Veronika Landhäußer heute in der IT-Welt tut.

Doch was genau macht Landhäußers Forschung so förderungswürdig? Ihr Ansatz verbindet verschiedene Disziplinen auf innovative Weise: In Kooperation mit dem Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und dem Zentrum für Psychiatrie in Weinsberg entwickelt sie VR-Umgebungen für die Suchttherapie. Dabei kommen Methoden der Künstlichen Intelligenz zum Einsatz, um das Eintauchen in die virtuelle Welt und die damit verbundenen stressbezogenen Effekte zu verstärken.

„Wie Veronika Landhäußer neue Ansätze in der Suchttherapie findet, hat uns nachhaltig beeindruckt“, würdigte Matthias Lapp die Arbeit der Stipendiatin. „Mit interdisziplinärem Forschergeist überträgt sie die Mensch-Computer-Interaktion in die Medizin. Ihr Promotionsthema greift die Alkoholsuchttherapie als gesellschaftliche Herausforderung auf, ist inhaltlich fundiert, mutig gedacht und birgt das Potenzial, über den akademischen Raum hinaus wirksam zu werden.“

Die praktische Anwendung steht bei diesem Projekt im Vordergrund. Während die Therapie von Suchterkrankungen traditionell auf Gesprächstherapie, Verhaltenstherapie und medikamentöse Unterstützung setzt, eröffnet die Virtuelle Realität neue Möglichkeiten: Patienten können in kontrollierten virtuellen Umgebungen mit Auslösern ihrer Sucht konfrontiert werden, ohne dass eine reale Gefahr des Rückfalls besteht. Die KI passt dabei das Erlebnis individuell an – ein personalisierter therapeutischer Ansatz, der die Erfolgsaussichten erhöhen könnte.

Für Landhäußer selbst ist die Förderung nicht nur finanziell wichtig. Als erste Akademikerin in ihrer Familie sieht sie in Ursula Ida Lapp ein Vorbild. „Das Engagement von LAPP setzt ein starkes Zeichen – nicht nur für mich und meine Karriereziele, sondern auch für andere Frauen, die einen ähnlichen Weg einschlagen möchten“, wird sie in der Pressemitteilung zitiert.

Die Wahl der Stipendiatin erfolgte in einem dreistufigen Verfahren durch ein Expertinnengremium der Hochschule Heilbronn und Vertreterinnen von LAPP. Das Stipendium richtet sich an Frauen bis 40 Jahre, die ein Promotionsvorhaben in den MINT-Bereichen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) an der Hochschule Heilbronn umsetzen wollen.

Die Vergabe des Stipendiums unterstreicht die wachsende Bedeutung Heilbronns als Bildungs- und Forschungsstandort. Längst ist die Stadt mehr als nur ein wirtschaftliches Zentrum der Region – sie entwickelt sich zunehmend zu einem Ort, an dem Zukunftstechnologien nicht nur gedacht, sondern umgesetzt werden. Der Bildungscampus mit seinen zahlreichen Hochschulen und Forschungseinrichtungen bildet dabei das Herzstück dieser Transformation.

Professor Gerrit Meixner, Research Professor für Human-Computer Interaction, Managing Director des UniTyLab und Program Dean SEM an der Hochschule Heilbronn, begleitete die Stipendiatin bei der Preisverleihung. Seine Anwesenheit symbolisiert die interdisziplinäre Ausrichtung des Projekts, das an der Schnittstelle von Informatik, Psychologie und Medizin angesiedelt ist.

Mit Forschungsprojekten wie diesem positioniert sich die Hochschule Heilbronn als Innovationstreiber in der Region – und zeigt gleichzeitig, dass Technologie mehr sein kann als ein Selbstzweck. Hier geht es nicht um Innovation um der Innovation willen, sondern um konkrete Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen. Die Bekämpfung von Suchterkrankungen ist dabei ein besonders drängendes Thema, das durch die Kombination von Virtual Reality und Künstlicher Intelligenz neue Impulse erhält.

Das Ursula Ida Lapp Promotions-Stipendium ist damit mehr als nur eine finanzielle Förderung – es ist ein Statement für Frauenförderung im MINT-Bereich, für interdisziplinäre Forschung und für den Wissenschaftsstandort Heilbronn. Veronika Landhäußer steht am Anfang ihrer Forschungsreise, doch die Richtung ist klar: Die virtuelle Welt soll helfen, reale Probleme zu lösen. In Heilbronn findet sie dafür nun den idealen Nährboden.

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