Mehrsprachigkeit in der Sprachförderung: Erfahrungen aus der Praxis

Von Redaktion, Foto: aim

Für viele Kinder ist Deutsch nicht die erste, sondern die zweite oder dritte Sprache. Wie Mehrsprachigkeit in der Sprachförderung gelingt, schildert Sprachförderkraft Sabine J. Peres im Rahmen der aim. Sie setzt auf Wertschätzung der Herkunftssprache. Damit entstehe das Vertrauen, auf dem alles Weitere aufbaue.

»Hier wird nur Deutsch gesprochen.« Diesen Satz hält Sabine J. Peres für schrecklich. In ihren Schulen habe sie ihn nach eigenen Worten noch nie gehört. Mehrsprachigkeit sei immer ein Gewinn, davon ist die Sprachförderkraft überzeugt.

Seit 2017 arbeitet Peres in dieser Rolle bei der aim. Zuvor war sie im Fremdsprachenbereich tätig, viel auf Messen im Ausland unterwegs und ständig zwischen drei Sprachen wechselnd. Sprachen seien ihre Leidenschaft, sagt sie. Deshalb liege ihr das Thema besonders am Herzen.

Mit ihrem Beitrag beteiligt sie sich an einem Austausch, zu dem die aim ihre Community einlädt. Dabei geht es um Praxisperspektiven: Wie prägt Mehrsprachigkeit den pädagogischen Alltag? Ist sie Bereicherung oder Herausforderung? Und welche Erfahrungen machen Fachkräfte mit Kindern und Jugendlichen, für die Deutsch eine Zweit- oder Drittsprache ist?

Warum Mehrsprachigkeit in der Sprachförderung Vertrauen schafft

Kann sich ein Kind in der Förderstunde nicht auf Deutsch ausdrücken, fragt Peres nach dem Wort in der eigenen Sprache. Dann strahle das Kind und fühle sich angenommen, berichtet sie. Diese Wertschätzung der Herkunftssprache sei auch für die Identität wichtig. Wer die eigene Sprache verwenden dürfe, fühle sich im wahrsten Sinne zu Hause. Genau dieses Vertrauen sei die Voraussetzung für gelingende Sprachförderung.

Zu Beginn fragt Peres deshalb oft, woher Mutter und Vater stammen und welche Sprachen zu Hause gesprochen werden. Bei vielen Kindern kämen die Eltern aus unterschiedlichen Ländern, schildert sie. Diese Kinder wüchsen bereits zweisprachig auf, Deutsch komme als dritte Sprache hinzu. Häufig erzählten sie, sie sollten zu Hause nur Deutsch mit der Mutter sprechen. Dann erkläre sie, dass daheim besser jene Sprache gesprochen werde, die die Eltern sicher beherrschen, statt eines fehlerhaften Deutsch.

Sprechanlässe, die aus der Mehrsprachigkeit entstehen

In den Unterricht lässt sich Mehrsprachigkeit auf vielen Wegen einbauen. Begrüßung und Verabschiedung etwa finden in den verschiedenen Sprachen der Kinder statt. Sie liebten es, sie zu korrigieren, wenn sie ein Wort falsch ausspreche, erzählt Peres. Dabei merkten die Kinder, dass eine neue Sprache auch für Erwachsene nicht leicht sei.

Gearbeitet hat sie außerdem mit einer Weltkarte, an der die Kinder die Flaggen ihrer Herkunftsländer anheften durften. Über die Länder entstünden Gespräche über die jeweilige Kultur. Feste seien dafür ein dankbares Thema. Sie erzähle, wie hier Weihnachten oder Ostern gefeiert werde, und frage nach den Bräuchen und Geschenken der Kinder. Solche Sprechanlässe kämen gut an, weil sich jemand für sie interessiere. Zugleich sei es Wortschatzarbeit.

Praktisch hilft manchmal eine dritte Sprache weiter. Viele Kinder aus Syrien oder Afghanistan sprächen schon im Grundschulalter gut Englisch, so Peres. Bei Rumänisch, Ukrainisch, Russisch oder Chinesisch greife sie zu Übersetzungsprogrammen. Das funktioniere inzwischen wirklich gut.

Wenn zunächst kein Wort Deutsch da ist

Wie Verständigung auch ohne gemeinsame Sprache beginnt, zeigt eine Erfahrung aus ihrem Unterricht. Zwei sehr schüchterne Mädchen aus Afghanistan und Rumänien hätten kein Wort Deutsch verstanden, berichtet Peres. Also habe sie Mimik und Gestik genutzt, um auf deren Bedürfnisse eingehen zu können. Oft sehe man den Kindern an, dass etwas nicht stimme. Mit Bildern und Gefühlskarten frage sie dann nach dem Befinden.

Erzähle ein Kind in seiner Sprache und verstehe man mithilfe eines Übersetzungsprogramms, was vorgefallen sei, entstehe eine Verbindung. Ihr Fazit fasst Peres so zusammen: »Gelingende Sprachförderung beginnt mit einer wertschätzenden Haltung gegenüber Mehrsprachigkeit.«

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