DHBW Heilbronn: Künstlerin MARTHE bespielt drei Stockwerke

Von Redaktion, Fotos:  DHBW Heilbronn

An der DHBW Heilbronn ist die 30. Vernissage über die Bühne gegangen. Zu sehen sind Werke der österreichischen Künstlerin MARTHE, verteilt über drei Stockwerke. Ihre Schau ›big.small.weird.‹ läuft bis zum 30. September 2026. Geöffnet ist sie wochentags von 8 bis 17 Uhr.

An der DHBW Heilbronn zieht sich die Kunst über drei Stockwerke. Schwere Bahnen aus rohem Leinen hängen im Foyer, dazu kommen Fotografien, Collagen und Drucke auf Blech. Sie alle stammen von der Künstlerin MARTHE. Mit einer Vernissage eröffnete die Hochschule die Schau ›big.small.weird.‹, und zwar als bereits 30. ihrer Art.

MARTHE an der DHBW Heilbronn: die 30. Vernissage

Die Hochschule pflegt diese Tradition seit 2011. Damals begann die Studienakademie, jedes Jahr neue Künstler einzuladen. Rektorin Prof. Dr. Nicole Graf sprach deshalb von einem besonderen Jubiläum. Beim Rundgang fiel ihr vor allem die Bandbreite der Arbeiten auf. »Wenn ich heute durch die drei Stockwerke gehe, scheint es fast, als würden mehrere Künstler ausstellen«, sagte Graf bei der Eröffnung.

Zwischen Werkzyklen, Ländern und Containern

MARTHE arbeitet in Zyklen. Der Zyklus HUMANITAS VULNERABLE widmet sich dem physischen Körper und der Weiblichkeit, zugleich der Verletzlichkeit der menschlichen Hülle. VAKUUM FORTE versammelt großformatige Schüttbilder auf Leinen. Diese entstanden während der Pandemie, zunächst in Schwarz und Weiß, und spiegeln die gesellschaftliche Spaltung jener Zeit. Manche Zyklen begleiten die Künstlerin über Monate, andere bleiben offen.

Eine eigene Linie bilden ihre Container. Seit 2017 fotografiert MARTHE im Osthafen Regensburg die gewaltigen Frachtbehälter, und seither lässt sie das Motiv nicht mehr los. Wohin sie reist, bringt sie neue Aufnahmen mit. Ein Stempel mit Ort und Zeit macht jedes Bild zum Zeitzeugnis. Außerdem lassen sich die knallbunten Fotografien stapeln wie echte Container, ob nebeneinander, im Quadrat oder im Dreieck.

Wenn das Material mitarbeitet

Das rohe Leinen ist bei MARTHE mehr als Bildträger. Es wirft Schatten und Wellen, fällt buchstäblich aus dem Rahmen und reizt zum Anfassen. Selbst wenn die Künstlerin Schicht um Schicht aufträgt, bleibt das Gewebe sichtbar. So wird das Material selbst zum Teil der Kunst.

Das Leinen stammt von Weberinnen aus einer spanischen Manufaktur, die es auf großen Rollen fertigen. MARTHE reißt die Werkstücke einzeln ab und lässt die organischen Kanten stehen. Auf den meterhohen Bahnen sucht sie bewusst nach Ruhepunkten für das Auge. Denn die Farben leuchten, und die Striche bleiben dynamisch. »Bei jedem Bild besteht die Gefahr, die Fläche nicht zu bewältigen. Es ist immer wieder eine Herausforderung«, sagt sie über ihren Prozess.

Das Bild als Versuchsanordnung

MARTHE versteht jedes Bild als Versuchsanordnung und sich selbst als Technik- und Materialjunkie. Diese Lust am Experiment reicht bis in ihre Kindheit zurück. Sie wuchs in der Werkstatt ihres Vaters auf, fand früh Freude am Gestalten und scheute auch vor schwerem Werkzeug nicht zurück.

Vor dem Malen grundiert sie das Leinen. Dann verschwindet sie für Stunden im Atelier und vergisst dabei Zeit, Essen und Trinken. Mal gibt ein einzelnes Wort den Impuls, mal zoomt sie in frühere Arbeiten hinein, bis daraus eine neue Komposition wächst.

Neben dem Rohleinen entwickelte MARTHE eine eigene Drucktechnik: die Sentografie. Dabei scheint das dünne Blech auch nach dem Farbauftrag durch. Gezielt gekratzte Linien holen die Metalloberfläche zurück ins Bild und machen sie zum aktiven Bestandteil der Arbeit.

MARTHE kam 1966 im österreichischen Steyr zur Welt. Heute lebt sie in Regensburg, Augsburg und in der nördlichen Oberpfalz. Sie arbeitet interdisziplinär mit Malerei, Grafik, Installation und Objekten. Davor hatte sie einen ganz anderen Beruf, denn sie war zunächst Zahntechnikerin. Doch bei aller handwerklichen Präzision fehlten ihr Freiheit und künstlerischer Spielraum. Inzwischen reichen ihre Ausstellungen von Hamburg bis Freiburg sowie nach Frankreich, Österreich und Japan. Seit 2008 erhielt sie zudem mehrere Auszeichnungen. Als Artist in Residence arbeitete sie unter anderem in der Kunsthalle Below sowie in Freiburg und Berlin.

Kunst als Sprachrohr der Menschlichkeit

So verschieden die Techniken sind, eine Frage verbindet alle Arbeiten: die nach Menschlichkeit. Besonders deutlich wird das in einem gemeinsamen Projekt mit der Laudatorin Barbara Wilmers-Hillenbrand. Beide machten die Kunst zu ihrem Sprachrohr, während ihre Mütter in den siebziger Jahren noch auf der Straße protestierten.

Für die Ausstellung ›Pictures for the Human Rights‹ übersetzen 30 Künstlerinnen und Künstler die 30 Menschenrechte in Bilder. MARTHEs Beitrag zeigt das Porträt eines Mannes mit strahlend blauen Augen, dessen Mund Fahrradschläuche zugenäht haben. Damit interpretiert sie Artikel 19, das Recht auf Meinungs- und Redefreiheit. Die Schau reist seit 2019 um die Welt. In diesem Winter hing sie zwei Monate im UN-Hauptquartier in New York. Ab Herbst ist sie laut Hochschule in Genf zu sehen.

In ihrer Laudatio nannte Wilmers-Hillenbrand es keinen Zufall, dass diese Bilder nun in einer Hochschule hingen. Hier finde sich ein Ort des Denkens, des Austauschs und des Lernens, an dem junge Persönlichkeiten reiften.

Wer sich selbst ein Bild machen will, hat dafür noch einige Monate Zeit. Die Ausstellung ›big.small.weird.‹ läuft an der DHBW Heilbronn bis zum 30. September 2026. Geöffnet ist sie wochentags von 8 bis 17 Uhr.

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