Künstliche Intelligenz ist für die Regulierer wie eine Hydra

Beim AI Monday im Heilbronner IPAI treffen sich Interessierte aus Wirtschaft und Forschung, um sich über die schnellen Veränderungen in unserer Welt auszutauschen. Eine Erkenntnis: Der AI Act der EU könnte auch eine Chance bieten.

Von Christian Gleichauf, Foto: Christian Gleichauf

Wenn Dennis Kline zum AI Monday lädt, dann ist der derzeit noch recht kleine Ipai-Standort im Zukunftspark Wohlgelegen schnell voll. Die Themen in der Podiumsrunde und bei den anschließenden Gesprächen drehen sich um Künstliche Intelligenz und darum, wie sich das Leben und die Geschäfte durch KI verändern. An diesem Montag ging es auch darum, wie die Politik steuernd eingreifen kann – und ob sie eingreifen sollte.

“Wollen wir wirklich unsere Daten da hochladen?”

Einfach laufen lassen ist keine Option, so scheint es. Die Schwarz-Gruppe beispielsweise erlaubt es ihren Mitarbeitern nicht, ChatGPT auf den Geschäftsrechnern zu benutzen. Denn was genau die US-Unternehmen mit den Daten machen, weiß niemand. “Bei der Formulierung von Produktbeschreibungen könnte man ChatGPT wohl nutzen, aber wollen wir wirklich unsere Daten da hochladen?”, fragt Mark Brinkmann, bei der Schwarz-Gruppe für KI im Bereich abseits des Handels verantwortlich. “Wir brauchen eine Alternative.”

Die könnte es mit dem Heidelberger Start-up Aleph Alpha bereits geben. Es ähnelt ChatGPT, wendet sich aber an Unternehmen und punktet mit europäischen Standards.

Diese Standards sollen nun noch einmal auf neue Beine gestellt werden. Die geplante KI-Verordnung der EU, auf Englisch der “AI Act”, soll den Einsatz von KI künftig regulieren.

Die roten Flaggen waren vielleicht ein bisschen übertrieben

Zumindest schwierig findet das Tristan Post, Dozent an der TU München, Gründer und Gründungsbegleiter beim Start-up-Programm AI Founders. Er warnt vor einer Überregulierung wie im 19. Jahrhundert bei den ersten Dampf- und Motorfahrzeugen in England. “Damals musste vor jedem Auto eine Person mit roten Flaggen herlaufen.” Heute wüssten wir, dass das übertrieben war.

Ähnlich sehe das nun bei der EU und der KI-Verordnung aus. In Start-ups müsse man sich dann mehr um Recht und Regulierung kümmern als um die Entwicklung funktionierender Geschäftsmodelle. Das Risiko: Deutschland wird abgehängt, die Start-ups wandern aus.

“Natürlich ist die Regulierung schwierig”, sagt Anita Klingel, die in der öffentlichen Verwaltung den Einsatz von KI vorantreiben will. “Regulierung ist wie eine Hydra, man schlägt einen Kopf ab, drei neue wachsen nach.” Dennoch verteidigt sie die geplante EU-Verordnung in einigen Punkten. Für die meisten Anwendungen würden beispielsweise gar keine relevanten Einschränkungen gelten, sondern nur für die Hochrisiko-Kategorie. Und da sei es doch auch angebracht.

Bürokratie könnte reduziert werden

Trotzdem findet sie auch vieles verbesserungswürdig. “Wäre man ehrlich, man müsste den AI Act wohl neu schreiben”, sagt Klingel. Sie berät Verwaltungen von Bund, Ländern und Kommunen in der bundeseigenen “Inhouse-Beratung” PD. Sie weiß, dass sich dort mancher über Entlastung bei “Vermerk” und “Stellungnahme” freuen würde. “Aber die Verantwortlichen verstehen KI nicht”, sagt sie auch.

Und dann gebe es eben noch das “Monster im Raum”, den Datenschutz, wie Dennis Kline es formuliert. Damit hänge allerdings auch eine Vertrauenswürdigkeit zusammen, die das Alleinstellungsmerkmal von Künstlicher Intelligenz Made in Europe sein könnte.

Das kommt zum Tragen, wenn es um heikle Themen geht. Tristan Post erzählt etwa von überraschenden medizinischen Einschätzungen des Chatbots, nachdem diesem Symptome einer Erkrankung mitgeteilt wurden. “Es waren teils nicht nur bessere Diagnosen als von Ärzten, sondern sie wurden auch noch empathischer mitgeteilt als von den Ärzten.” Doch wer wirkliche Beschwerden hat, der dürfte schon ein Interesse daran haben, wer alles bei solch einem Gespräch mitliest.

Mit freundlicher Genehmigung der Stimme Mediengruppe & der Heilronner Stimme