Heilbronn stellt die Weichen: Wenn das Handy zum Verkehrsflüsterer wird

Von Robert Mucha, Foto: DallE/Robert Mucha

Stellen Sie sich vor, Ihr Smartphone wäre ein schwäbischer Verkehrserzieher – subtil, aber hartnäckig. Genau das haben sich die Forscher am Ferdinand-Steinbeis-Institut auf dem Heilbronner Bildungscampus vorgenommen. Mit ihrer neuen App „Track 4 Science“ wollen sie die Mobilität der Heilbronner sanft in neue Bahnen lenken. Sozusagen eine digitale Kehrwoche für den Stadtverkehr.

Eva Deuchert, die Mastermind hinter dem Projekt, erklärt das Prinzip anhand der allseits bekannten Geschwindigkeitsanzeigen am Ortseingang. Sie wissen schon: lächelndes Gesicht für brave Fahrer, Griesgram für Raser. Eine simple Psychologie, die erstaunlich gut funktioniert. Genauso subtil soll auch die neue App wirken – nur eben ohne das passive-aggressive Blinken.

Die Idee ist so einfach wie genial: Die App läuft im Hintergrund mit und zeichnet auf, wie sich der Nutzer durch Heilbronn bewegt. Ob mit dem Rad über den Neckartalradweg, im Stau auf der Allee oder in der Stadtbahn Richtung Böckingen – die künstliche Intelligenz weiß Bescheid. Alles streng anonym, versteht sich. Wir sind schließlich nicht im Silicon Valley, sondern in Schwaben.

Der Clou: Ein Teil der Nutzer bekommt spezielle Hinweise zu ihrem Mobilitätsverhalten. Wie genau diese „sanften Anstupser“ aussehen, verrät Deuchert nicht. Vielleicht ein virtuelles Spätzle für jeden Kilometer auf dem Fahrrad? Oder ein digitales Viertele Trollinger für jede Fahrt mit dem ÖPNV? Die Möglichkeiten sind endlos.

Dass das Projekt ausgerechnet auf dem Bildungscampus startet, ist kein Zufall. Hier tummeln sich die technikaffinen Köpfe der Stadt – ideale Testpersonen für die App. Aber mitmachen kann jeder Heilbronner, der Lust hat, Teil dieses digitalen Verkehrsexperiments zu werden. Von der Weinstadt zur Smart City, sozusagen.

Deuchert, die jahrelang in der Energiewirtschaft gearbeitet hat, weiß, wie heikel das Thema Verkehrswende sein kann. Sie erinnert an die hitzigen Debatten um das Heizungsgesetz und ahnt: Wenn es ums Auto geht, könnte es ähnlich emotional werden wie eine Diskussion über die richtige Zubereitung von Maultaschen.

Die Wissenschaftlerin denkt bereits weiter. Künftig könnten in der App auch Mitfahrdienste integriert werden – für alle, die gerne schwätzen beim Fahren.

Dass die Technik nicht immer perfekt ist, musste Deuchert kürzlich selbst erfahren. Im Stau auf der A81 stehend, diagnostizierte ihr Handy: „zu Fuß unterwegs“. Ein Lacher, der zeigt: Auch smarte Apps haben manchmal noch Nachholbedarf. Oder vielleicht war es einfach ein subtiler Hinweis, dass Laufen manchmal schneller geht als Autofahren in Heilbronn.

Mit „Track 4 Science“ könnte Heilbronn einmal mehr zeigen, dass hier nicht nur Wein angebaut, sondern auch die Zukunft geerntet wird. Ein digitaler Anstupser in Richtung Verkehrswende – so schwäbisch-innovativ kann nur Heilbronn sein.