Grün denken, grün essen: Heilbronn bekommt sein erstes Zero-Waste-Restaurant

Von Robert Mucha, Foto: Campus Founders

Mit Heaven’s Kitchen Campus erweitern die Campus Founders ihr Ökosystem um ein nachhaltiges Gastrokonzept, das mehr sein will als nur ein Restaurant. Im Herbst 2025 eröffnet ein Ort, an dem Bowls auf Brainstorming und Soulfood auf Startups treffen – und wo Nachhaltigkeit nicht nur gepredigt, sondern auf den Teller gebracht wird.

Während in der Mensa auf dem Bildungscampus Fleischgerichte ihren festen Platz haben, formiert sich wenige Meter entfernt die kulinarische Revolution. Im neuen GRAVITY-Gebäude der Campus Founders, dessen Glasfassade die Morgensonne einfängt und in tausend Lichtreflexe zerlegt, entsteht gerade ein gastronomisches Konzept, das die DNA Heilbronns um ein weiteres Chromosom erweitern wird: Heaven’s Kitchen Campus, ein Restaurant, das den Mut hat, vollständig auf tierische Produkte zu verzichten und dabei 75 Prozent der branchenüblichen Abfälle einzusparen.

Es ist ein warmer Junitag, als ich Tanja Goldstein auf der Baustelle treffe. Wo in wenigen Monaten Studierende an veganen Bowls sitzen werden, hängen jetzt noch Kabel von der Decke, und der Boden ist mit Staub bedeckt. Doch Goldstein, die Gründerin von Heaven’s Kitchen, sieht durch den Baustellenstaub bereits die Zukunft: „Wir glauben, dass nachhaltiges Handeln und Genuss in Verbindung mit einer echten Community-Kultur für Heilbronn absolut bereichernd sein werden“, sagt sie und zeigt auf die großen Fensterfronten, die später den Blick auf den Campus freigeben werden.

Ihr Restaurant in Stuttgart hat sich einen Namen gemacht – nicht nur wegen der pflanzlichen Küche, sondern weil es als eines der ersten in Baden-Württemberg konsequent auf Abfallvermeidung setzt. Eine Entscheidung, die wirtschaftlich nicht immer einfach ist, aber philosophisch konsequent: „Wir können nicht über Klimaschutz reden und dann Lebensmittel wegwerfen“, sagt Goldstein. Die 42-Jährige mit dem präzisen Kurzhaarschnitt und der randlosen Brille spricht mit der Überzeugung einer Frau, die ihren Weg gefunden hat.

Der Bildungscampus ist dabei eine logische Erweiterung ihres Wirkungskreises. Mit seinen über 8.000 Studierenden und 15 Bildungseinrichtungen – darunter Schwergewichte wie die TUM School of Management, die DHBW und die Hochschule Heilbronn – bietet er ein Publikum, das nicht nur hungrig auf Wissen, sondern auch auf nachhaltigen Konsum ist. Laut Studien entscheiden sich bereits über 60 Prozent der Studierenden aktiv für eine nachhaltige Ernährung.

„Was Heilbronn hier in den letzten Jahren geschaffen hat, ist bemerkenswert“, sagt Goldstein und meint damit nicht nur die Architektur des Campus, sondern das gesamte Bildungsökosystem, das hier entstanden ist. „Hier treffen sich täglich Studierende, Forschende und Gründerinnen – und jetzt auch gutes Essen.“

Die Partnerschaft mit den Campus Founders, die jährlich etwa 80 Startups betreuen und ein europaweites Netzwerk aus Mentoren und Investoren pflegen, erscheint dabei wie eine natürliche Symbiose. Heaven’s Kitchen ist selbst ein Startup-Erfolg – vom kleinen veganen Café zum Multi-Brand-Konzept mit Catering, Foodtruck, Events und sogar einem Yoga-Studio. „Was, wenn der spannendste Ort für Zukunftsgestaltung kein Think Tank, sondern ein Restaurant ist?“, fragt Goldstein rhetorisch und lacht.

Diese Frage ist weniger absurd, als sie auf den ersten Blick erscheint. In einer Zeit, in der nachhaltige Ernährung zum politischen Statement wird, können Restaurants tatsächlich zu Laboratorien für gesellschaftlichen Wandel werden. Die Speisekarte von Heaven’s Kitchen liest sich entsprechend wie ein kulinarisches Manifest: regionale Produkte, kurze Lieferwege, maximale Transparenz – und alles ohne tierische Produkte.

Der Fokus liegt auf leichten, aber sättigenden Gerichten wie Bowls und Sandwiches, aber auch auf dem, was Goldstein „echtes Soulfood“ nennt: Tagliatelle al Ragout (natürlich ohne Fleisch) oder No-Beef Bourguignon. Es ist eine Küche, die beweisen will, dass Verzicht nicht Verzicht bedeuten muss – eine Botschaft, die in Zeiten der Klimakrise immer wichtiger wird.

Dass ausgerechnet Heilbronn, lange Zeit eher für seine Industrie und seine Weinberge bekannt, nun zu einem Zentrum für nachhaltige Gastronomie wird, mag überraschen. Doch die Stadt hat sich in den letzten Jahren neu erfunden. Der Bildungscampus ist dabei nur ein Teil einer größeren Transformation, die auch die BUGA 2019 und die wachsende Startup-Szene einschließt.

„Heilbronn positioniert sich als Modellstadt für nachhaltige Stadtentwicklung“, sagt Goldstein, „und wir wollen Teil dieser Entwicklung sein.“ Es ist ein Satz, der im PR-Sprech leicht nach Floskel klingen könnte, aber in diesem Fall tatsächlich von konkreten Maßnahmen untermauert wird: ein Restaurant, das im Alltag drei Viertel der üblichen Gastro-Abfälle vermeidet, ist mehr als nur ein symbolischer Beitrag zur Nachhaltigkeit.

Die 60 Mitarbeitenden aus 16 Nationen, die bei Heaven’s Kitchen in Stuttgart arbeiten, sind ein weiteres Indiz dafür, dass das Unternehmen seine sozialen Ansprüche ernst nimmt. „Nachhaltigkeit betrifft nicht nur die Umwelt, sondern auch den Umgang miteinander“, betont Goldstein.

Am Ende unseres Gesprächs stehen wir auf dem Dach des noch unfertigen GRAVITY-Gebäudes. Der Blick schweift über den Campus, wo Studierende zwischen Vorlesungen hin und her eilen, und weiter zur Heilbronner Innenstadt. „Siehst du?“, fragt Goldstein und zeigt auf die Dächer der Stadt. „Da ist noch so viel Potenzial für Veränderung.“

Es ist diese Mischung aus Idealismus und Pragmatismus, die Heaven’s Kitchen auszeichnet – und die möglicherweise auch der Grund für den Erfolg ist. Denn während viele Gastronomen über Nachhaltigkeit reden, hat Goldstein ein funktionierendes Geschäftsmodell daraus gemacht. Und während viele Studierende über eine bessere Zukunft nachdenken, bietet sie ihnen einen Ort, an dem sie diese Zukunft schon heute schmecken können.

Wenn Heaven’s Kitchen Campus im Herbst 2025 seine Türen öffnet, wird es mehr sein als nur ein weiteres Restaurant auf dem Bildungscampus. Es wird ein Statement sein – dafür, dass Heilbronn nicht nur eine Stadt des Wissens, sondern auch eine Stadt des bewussten Handelns und Genießens sein will. Und vielleicht wird es auch ein Beweis dafür sein, dass die wichtigsten Revolutionen manchmal nicht in Hörsälen, sondern an Esstischen stattfinden.

Melden Sie sich für unseren Newsletter an!