Frauen, die Heilbronn bewegen: Dr. Nadine Herrmann – Die Brückenbauerin zwischen Wissenschaft und Bildung bei der experimenta

Treffen Sie Dr. Nadine Herrmann, die bei der experimenta in Heilbronn in der Besucherforschung und Evaluation tätig ist. Sie vereint Wissenschaft und Bildung, um Museumsbesuche zu einer bereichernden Erfahrung zu machen.

Von Robert Mucha, Foto: Privat

Steckbrief:
  • Name: Nadine Herrmann
  • Alter: 43
  • Akademischer Grad: Dr. Phil
  • Aktuelle berufliche Position: Mitarbeiterin Besucherforschung und Evaluation bei der experimenta
  • Branche oder Fachbereich: Science Center
  • Arbeitserfahrung (insgesamt und in der aktuellen Position): 18 Jahre / 3,5 Jahre
  • Veröffentlichungen und Forschungsschwerpunkte: Wissenschaftsvermittlung im Museum: Untersuchung motivationaler und kognitiver Prozesse an einer Medienstation über Molekülmodelle; aktuell: Besucherstruktur
  • Mitgliedschaft in wissenschaftlichen Vereinigungen oder Organisationen: ICOM, Ecsite Research & Evaluation Group
  • Familiärer Hintergrund (verheiratet, Kinder): Mann, zwei Kinder
  • Freizeitinteressen: aktiv Zeit mit meinen Kindern verbringen, zum Beispiel Radfahren, Schwimmen gehen, Sehenswürdigkeiten besuchen
  • Buchempfehlung: Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior von Edward L. Deci, ‎Richard M. Ryan
  • Lieblingsort oder -stadt: Berlin, dort habe ich viele Jahre gelebt und es zieht mich immer wieder zurück
  • Ein Zitat fürs Leben: “Don’t find fault, find a remedy.”
  • Meine Vision für die Wissensstadt Heilbronn: Veranstaltungen wie die Ecsite Konferenz 2022 und ähnliche Events mit internationalem und sehr diversem Publikum stärker in Heilbronn verankern, um einen regen Austausch und ein starkes Netzwerk zu fördern.
 Fragebogen:

Was ist dein akademischer/beruflicher Hintergrund?

Deutsch-Französisches Diplom im Fach Medienkultur an der Bauhaus-Universität Weimar und der Universität Lyon 2; Master in Museologie und Neuen Medien an der Universität Lyon 3; Promotion an der TUM School of Education und am Deutschen Museum München.

Nach der Promotion bin ich dem Museumsbereich treu geblieben und habe viele Jahre in der Programmentwicklung sowie in der Konzeption von Besucher-Service-Aufgaben (Bauplanung, Leitsysteme, Foyers, Ticketsysteme etc.) gearbeitet.

Was hat dich motiviert, dich für eine Karriere in der Wissenschaft/Forschung/Wirtschaft/Bildung zu entscheiden?

Meine Aufgaben im Bereich Evaluation und Besucherforschung für Museen und Science Center liegen an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Bildung. Das finde ich ganz besonders spannend, da hinter den Fragestellungen meist konkrete Bedürfnisse von Kolleg*innen stehen, die ihre Angebote für unsere Besucher*innen besser machen möchten. Mir war schon nach meinem Master-Abschluss klar, dass mir das mehr liegt, weshalb ich mich für die Promotion im Deutschen Museum München entschieden habe und gegen eine reine Universitätsstelle.

Wie hast du die Gleichstellung von Frauen in deinem Fachbereich erlebt?

Tatsächlich sind die Fachbereiche, in denen ich tätig war und bin, stark von Frauen geprägt, mit zwei kleinen Ausnahmen: Bei IT-Themen und der Bauplanung waren es mehr Männer. Gleichstellungsprobleme habe ich aber auch da nicht erlebt.

Wurden dir aufgrund deines Geschlechts Hindernisse oder Herausforderungen in deiner Karriere gestellt?

Ich habe das persönlich nie so wahrgenommen.

Was ist dein größter Karriere-Erfolg bisher?

Auch wenn sie schon länger her ist, empfinde ich meine Promotion immer noch als Höhepunkt, denn ich habe sie berufsbegleitend fertiggestellt, zeitgleich mit einer sehr fordernden Vollzeitstelle.

Kürzer zurück liegt die Ecsite-Konferenz: Hier denke ich nicht nur an die erfolgreiche Durchführung, sondern an das Vertrauen, das mir als Teil der Projektleitung entgegengebracht wurde.

Welche Rolle spielt die Work-Life-Balance in deiner Karriere?

Eine wichtige, denn ich möchte mit meinen Kindern Zeit verbringen. Ich bin sehr froh, dass mein Mann und ich uns gut gegenseitig unterstützen und, dass mein Arbeitgeber mir viel Flexibilität ermöglicht.

Welche Tipps hast du für junge Frauen, die eine Karriere in der Wissenschaft/Forschung/Wirtschaft/Bildung anstreben?

Ich habe mich immer von dem leiten lassen, was mich begeistert hat. Ich bin davon überzeugt, mit Begeisterung ist man besser im Job und fühlt sich auch besser.

Welche Hürden musstest du überwinden, um deine aktuelle Position zu erreichen?

Ich habe es nicht so empfunden, dass ich dafür Hürden überwinden musste.

Wie hast du dich gegen diskriminierende Verhaltensweisen und sexistische Bemerkungen gewehrt?

Ich bin bezüglich Sprache nicht so empfindlich. Diskriminierung habe ich offen nicht erlebt. Im Gegenteil, ich hatte immer das Glück, mich unterstützende und fördernde männliche wie weibliche Vorgesetzte zu haben.

Was sind deine Zukunftspläne für deine Karriere?

Ich möchte weiterhin an der Schnittstelle zwischen Besuchenden und experimenta etwas bewirken.

Was inspiriert dich, in deinem Fachbereich zu bleiben und weiterzumachen?

Ich war im Juni auf der Ecsite Konferenz 2023 und auf der von der experimenta selbst ausgerichteten Tagung Interaktion. Großartige Projekte und Personen durfte ich dort kennenlernen und habe für mich mitgenommen: Wir können noch so viel mehr im Bereich der Besucherforschung und der Besucherorientierung tun.

Wie schätzt du die Zukunft für Frauen in der Wissenschaft/Forschung/Wirtschaft/Bildung ein?

Das Geschlecht sollte einfach gar keine Rolle spielen.

Welche Projekte hast du in der Pipeline und welchen Impact sollen sie haben?

Ich arbeite gerade an einem Projekt, um die Erfahrungen der Besuchenden vom Erstkontakt zur experimenta bis über den Besuch hinaus besser zu verstehen. Unser Fokus liegt dabei auf Bildungsbesuchen, also wenn beispielsweise Schulen oder Kindergärten zu uns kommen. Je besser wir all die Erfahrungen, die Besucherinnen und Besucher bei uns machen, verstehen, desto besser können wir darauf mit unseren Angeboten reagieren.

Wie wichtig ist es für dich, als Vorbild für junge Frauen zu fungieren?

Ab und zu werde ich zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie angesprochen, aber da sehe ich weniger mich als vielmehr meinen Mann als ein Vorbild für andere Männer.

Was ist dein Rat an Frauen, die mit dem Gedanken spielen, eine Karriere in der Wissenschaft/Wirtschaft zu beginnen?

Seid kreativ bei der Suche nach Aufgaben, die euch begeistern und möglichst auch noch erfolgsversprechend sind.

Was würdest du gerne anderen Frauen mit auf den Weg geben, die sich in der gleichen Situation befinden wie du?

Seid mutig, stoßt Dinge an und werdet aktiv, wenn ihr den Bedarf erkennt und gerne etwas ändern würdet. Das macht zufriedener als sich zu ärgern.

Welche Fähigkeiten sind für dich besonders wichtig in deiner Karriere?

Das Vertrauen in sich zu haben, dass man in Aufgaben hineinwächst.

Wie hast du dich weitergebildet und dich auf neue Herausforderungen vorbereitet?

Vor allem mit Besuchen von Konferenzen. Meist hatte ich für neue Projekte und Aufgaben keine oder nur wenig Vorbereitungszeit und bin deshalb ins kalte Wasser gesprungen und habe im Job gelernt.

Hast du in deiner Karriere eine Mentorin oder jemanden, der dich unterstützt hat?

Nicht direkt oder gar dauerhaft, aber immer wieder haben mich Personen im beruflichen oder privaten Umfeld unterstützt und beraten. Wenn man die Chance auf ein Mentoring hat, sollte man sie nutzen und sich auch aktiv darum bemühen.

Wie hast du dich gegenüber Konkurrenten behauptet, insbesondere gegenüber männlichen Kollegen?

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich aktiv gegen Konkurrenten – weiblich oder männlich – durchsetzen musste.

Welches war das lustigste/seltsamste Vorurteil oder Klischee, dem du während deiner Karriere begegnet bist?

Viele Leute können sich nicht vorstellen, was es alles braucht, um ein Museum oder Science Center am Laufen zu halten. Sie sehen nur die Besucherangebote und nehmen deshalb an, dass ich mich den ganzen Tag in der Ausstellung aufhalte.

Was möchtest du jungen Frauen sagen, die sich Sorgen machen, dass eine Karriere in der Wissenschaft/Forschung/Wirtschaft/Bildung ihr persönliches Leben beeinträchtigen könnte?

Ich glaube nicht daran, dass man Karriere und Familie ohne Abstriche vereinbaren kann, deshalb sollte man sich früh über seine Prioritäten klar werden beziehungsweise über seine Vorstellung, was Karriere für einen persönlich bedeutet.