Eine irrationale Zahl für einen rationalen Erfolg: experimenta feiert Pi-Jubiläum

Von Robert Mucha, Foto: experimenta

Ein Mathematiker würde es den perfekten Kreis nennen: 3.141.592 Besucher haben seit 2009 das Science Center in Heilbronn besucht – exakt die ersten sieben Stellen der Kreiszahl Pi. Die Familie Bischoff aus Keltern stand plötzlich im Mittelpunkt einer Feier, die zeigt, wie sehr sich Heilbronn als Bildungsstandort neu erfunden hat.

Die Sonne wirft warme Lichtkegel durch die geschwungene Glasfassade der experimenta, als Anja Bischoff mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern an einem gewöhnlichen Mittwochvormittag durch die Eingangstür tritt. Was die Familie aus Keltern bei Pforzheim nicht weiß: Ihre Füße werden gleich einen mathematisch perfekten Moment vollenden. Denn mit ihnen betreten genau 3.141.592 Menschen seit der Eröffnung im November 2009 das größte Science Center Deutschlands – eine Zahl, die keineswegs zufällig gewählt ist.

„Die experimenta begeistert seit mehr als 15 Jahren Jung und Alt für Wissenschaft und Technik. Was liegt da näher als mit einer faszinierenden Zahl aus der Mathematik ein besonderes Besucherjubiläum zu feiern?“, erklärt Geschäftsführer Dr. Andreas Gundelwein, während er der überraschten Familie eine besondere Eintrittskarte überreicht: Ein Familienticket, das 3,141592 Jahre oder umgerechnet 37,699104 Monate lang gültig ist.

Für einen kurzen Moment steht die Familie im Mittelpunkt eines Geschehens, das in seiner Inszenierung die DNA des Hauses widerspiegelt: Wissenschaft soll hier nicht abstrakt bleiben, sondern erfahrbar werden. Die Kreiszahl Pi, jene irrationale Zahl, die das Verhältnis zwischen Kreisumfang und Durchmesser beschreibt und Generationen von Schülern in den Wahnsinn getrieben hat, wird plötzlich zum Anlass für ein Fest mit Kuchen, Quiz und Seifenblasenshow.

Während die Kinder der Familie Bischoff noch etwas verlegen lächeln, huscht über das Gesicht ihres Vaters ein Ausdruck der Erkenntnis: „3,14… das ist ja Pi!“, sagt er und hat damit den mathematischen Witz verstanden, der hinter dem Timing dieses Jubiläums steckt.

Die experimenta ist das Gravitationszentrum des Heilbronner Bildungscampus. Von außen betrachtet wirkt das Gebäude mit seiner geschwungenen Form und den schimmernden Glasfronten wie ein Raumschiff, das am Neckarufer gelandet ist. Im Inneren öffnet sich ein Kosmos aus Wissenschaft und Technik: 275 interaktive Exponate, neun Labore und ein Science Dome, der Planetarium und Theater in einem ist. Es ist ein Ort, an dem Kinder Roboter programmieren, Erwachsene die Gesetze der Physik neu entdecken und Schulklassen außerhalb des Klassenzimmers lernen.

Dass ausgerechnet eine Zahl wie Pi zum Anlass für das Jubiläum genommen wird, passt ins Bild einer Stadt, die sich in den letzten Jahren massiv gewandelt hat. Wo früher Industrie und Handel das Stadtbild prägten, wächst heute ein akademisches Ökosystem heran. Die experimenta ist dabei mehr als nur ein schickes Museum – sie ist Symbol und Katalysator dieses Wandels zugleich.

„Eigentlich ist Pi eine deutlich längere Zahl als 3,141592“, erklärt einer der Mitarbeiter, während er Besuchern zeigt, wie sie herausfinden können, an welcher Stelle von Pi ihr Geburtsdatum vorkommt. „Hinter dem Komma verbergen sich unendlich viele Stellen. Davon sind aktuell rund 300 Billionen Stellen berechnet.“ Es ist dieses Spiel mit dem Unendlichen im Endlichen, das die Faszination der Mathematik ausmacht – und in gewisser Weise auch die Transformation Heilbronns beschreibt: ein Prozess ohne definiertes Ende, aber mit klarem Startpunkt.

Im Foyer der experimenta hat sich mittlerweile eine kleine Menschentraube gebildet. Die Besucher lassen sich Stücke vom „Pi-Kuchen“ schmecken, während ihre Kinder in der Button-Werkstatt kreativ werden. Die Feier ist kein bombastisches Event, sondern genau wie das Haus selbst: niederschwellig, zugänglich, einladend.

Als die Familie Bischoff später durch die Ausstellung schlendert, sind sie wieder ganz normale Besucher. Ihre mathematische Bedeutung für diesen Tag ist bereits in den Hintergrund getreten. Stattdessen stehen sie vor einem Exponat, das die Kraft des Lichts demonstriert, und staunen. Es ist dieser Moment des Staunens, für den die experimenta gebaut wurde – und der seit 2009 nun schon mehr als drei Millionen Mal stattgefunden hat.

Die Geschichte der experimenta ist dabei auch die Geschichte eines Heilbronns, das den Mut hatte, sich neu zu erfinden. Wo einst Weinberge und Industrie das Bild prägten, wächst heute ein Bildungsökosystem, das weit über die Stadtgrenzen hinaus strahlt. Der Bildungscampus mit der Technischen Universität München, der DHBW, der Hochschule Heilbronn und einem Dutzend weiterer Institutionen ist zu einem Gravitationszentrum für junge Talente geworden.

Das Pi-Jubiläum mag auf den ersten Blick eine mathematische Spielerei sein. Doch es erzählt auch eine größere Geschichte: die einer Stadt, die verstanden hat, dass Bildung und Wissenschaft die Währungen der Zukunft sind. Eine Stadt, die sich nicht auf ihrer Tradition ausruht, sondern kontinuierlich neue Kreise zieht – ganz wie die Zahl Pi, die niemals endet und sich niemals wiederholt.

Während draußen der Neckar wie immer vorbeifließt, entsteht drinnen in der experimenta etwas Neues: Ein Verständnis dafür, dass Wissenschaft keine abstrakte Disziplin ist, sondern Teil unseres Alltags. Und vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieses Jubiläums: Dass auch die komplexesten Zusammenhänge erfahrbar werden können – wenn man nur den richtigen Ort dafür schafft.

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