Von Redaktion, Foto: FSTI
Die Heilbronner Versorgungs GmbH und die Stadtwerke Heilbronn rüsten das Wassernetz um. Bis Jahresende sollen rund 8.000 digitale Wasserzähler in Privathaushalten verbaut sein, langfristig etwa 35.000. Die digitalen Wasserzähler in Heilbronn übermitteln täglich Stundenwerte statt einmal im Jahr. Wissenschaftlich begleitet wird das Reallabor vom Ferdinand-Steinbeis-Institut.
In diesem Sommer haben Städte und Landkreise die Entnahme aus Gewässern beschränkt. Einzelne Versorger riefen zum Wassersparen auf. Damit rückt eine Frage in den Vordergrund, die im Alltag selten gestellt wird.
Ein Wasserversorger weiß sehr genau, wie viel Wasser er zu welchem Zeitpunkt einspeist. Wohin es danach fließt, lässt sich bislang jedoch nur in groben Zügen nachvollziehen. Genau das wollen das Ferdinand-Steinbeis-Institut (FSTI), die Heilbronner Versorgungs GmbH (HNVG) und die Stadtwerke Heilbronn (SWHN) ändern.

Warum die Jahresmenge nicht reicht
Der Hausanschluss wird derzeit in der Regel einmal im Jahr abgelesen. Für die Versorgungssicherheit ist die Jahresmenge allerdings nur ein Teil der Wahrheit. Entscheidend sind auch Verbrauchsspitzen, etwa morgens und abends oder in längeren Trocken- und Hitzeperioden.
Der Masterplan Wasserversorgung des Landes Baden-Württemberg beziffert die Herausforderung. Rund 21 Prozent der Kommunen im Südwesten weisen bereits heute ein großes Defizit beim Spitzenbedarf auf. Bis 2050 könnte der Anteil auf rund 53 Prozent steigen.
»Wir sind fast blind, was die aktuellen Verbräuche angeht«, sagte Frank Schupp, Geschäftsführer der Heilbronner Versorgungs GmbH. Man sehe den Verbrauch einzelner Kunden nicht, bestenfalls den in einzelnen Zonen. Es fehle an Transparenz und an besserer Verbrauchsinformation in Echtzeit.
Digitale Wasserzähler in Heilbronn: vom Pilotprojekt in die Fläche
Die Vorarbeit läuft bereits seit 2021. In einem ersten Pilotprojekt entstanden durch digitale Sensorik und digitale Wasserzähler sogenannte digitale Zwillinge. Erfasst wurden dabei zwei Versorgungsschächte und vier Haushalte in Heilbronn.
Im Mittelpunkt stand die Frage, ob sich Leckagen dadurch früher erkennen lassen. Ebenso ging es darum, wie ein vertrauensvoller Umgang mit Daten gewährleistet werden kann.
Seit April 2026 läuft die nächste Stufe. Bis Jahresende sollen rund 8.000 digitale Wasserzähler in Privathaushalten verbaut sein. Langfristig sollen es etwa 35.000 werden.
»Für unsere Kundinnen und Kunden bedeutet das vor allem mehr Transparenz«, sagte Erik Mai, Geschäftsführer der Stadtwerke Heilbronn GmbH. Die neuen Funkwasserzähler machten die Ablesung einfacher und zuverlässiger. Da keine beweglichen Teile mehr verbaut seien, entfalle der mechanische Verschleiß.
Auch Terminvereinbarungen für die Ablesung vor Ort seien damit hinfällig. Ein Batteriewechsel werde erst nach rund zwölf Jahren nötig.
Was die Daten sichtbar machen
Die höhere zeitliche Auflösung hilft nicht nur bei der Abrechnung. Auffällige Verbrauchsmuster können Hinweise auf Leckagen oder einen Rohrbruch geben. Damit lassen sich solche Fälle deutlich früher erkennen.
Gleichzeitig wird sichtbar, in welchen Stunden und Bereichen des Netzes die Nachfrage besonders hoch ist. In der Leitstelle lassen sich die Verbrauchsdaten künftig mit den Füllständen der Wasserspeicher zusammenführen. Hinzu kommen die Einspeisungen aus Brunnen, Quellen und der Bodensee-Wasserversorgung.
Steigt der Bedarf in einer Region, lässt sich so besser erkennen, in welchen Zonen die Nachfrage wächst. Ebenso wird deutlich, ob sie aus privaten Haushalten oder aus Industrie und Gewerbe kommt.
Schupp rechnet mit deutlichen Effekten. Er sei überzeugt, dass sich in vielen Versorgungsgebieten etwa die Hälfte der Verluste rasch abstellen lasse. Das deutsche Wassernetz gilt im internationalen Vergleich als effizient. In älteren Netzen können die Verlustraten aber bei mehr als zehn Prozent liegen.
Wem die Daten gehören
Wer welche Informationen benötigt und einsehen kann, ist von Beginn an Teil des Projekts. Die Verbrauchsdaten der Haushalte bleiben beim Versorger. Das FSTI erhält zu Forschungs- und Entwicklungszwecken Zugang zu anonymisierten Daten.
Zugleich soll eine Möglichkeit entstehen, über die Haushalte ihren eigenen Wasserverbrauch online abrufen können. Damit geht es nicht allein um eine technische Modernisierung des Netzes.
Heiner Lasi ist akademischer Leiter des FSTI. Für ihn steht das Projekt beispielhaft für den verantwortungsvollen Einsatz von Daten und KI in der Infrastruktur. »Hier lässt sich viel gewinnen, weil die Menschen besser informiert sind und damit nachhaltiger handeln können«, sagte er. Der Aufbau solcher Systeme dauere oft Jahre, umso wichtiger sei es, jetzt damit anzufangen.
Erste Auswertungen im kommenden Sommer
Belastbare Erfahrungen erwarten die Beteiligten im kommenden Sommer. Dann lassen sich die Verbrauchsdaten erstmals umfassender nach einzelnen Zonen auswerten. Die Daten schafften eine deutlich bessere Grundlage, um die Entwicklung des Wasserbedarfs zu verstehen, so FSTI-Projektleiterin Dr. Eva Deuchert.
»So können Versorger frühzeitig erkennen, wo sich Engpässe abzeichnen, und ihre Planung entsprechend anpassen«, sagte sie.
Über die Wasserwirtschaft hinaus interessieren sich weitere Akteure für die Möglichkeiten. Genannt werden Versicherer, Tiefbauunternehmen und die Wohnungswirtschaft. Diese Anwendungsfelder sollen allerdings erst in einer späteren Projektphase vertieft werden.