Von Robert Mucha, Foto: Ideogram/Robert Mucha
Sensoren im Mülleimer, Token für Nachhilfe und eine App gegen die Lebensmittelverschwendung – DHBW-Studierende zeigen, wie der Bildungscampus zum intelligenten Ökosystem werden kann. Eine Nahaufnahme der digitalen Transformation im Kleinen.
Der Campus ist ihr Labor. Die Stadt ihre Spielwiese. Am Bildungscampus Heilbronn haben Studierende der DHBW sechs digitale Lösungen entwickelt, die den Alltag am Campus verändern könnten. Ihr Werkzeug: IoT-Sensoren, Datenanalyse und ein paar gute Ideen. Für viele mögen die kleinen Kästchen, die sie in Mülleimern verstecken oder an Fahrrädern anbringen, unscheinbar wirken. Doch wer die Daten lesen kann, sieht darin die Grundlage für ein intelligenteres Campusleben.
Es ist eine andere Art der Stadtplanung, die hier stattfindet. Keine monumentalen Bauprojekte, keine großen Gesten. Stattdessen steht die leise Revolution der kleinen Dinge im Mittelpunkt – und die beginnt mit der Beobachtung. Was kann man verbessern, wenn man genau hinschaut? Dieser Frage gingen die Studierenden des 6. Semesters im Studiengang BWL-Digital Commerce Management nach.
„Die Projekte zeigen, wie sich anwendungsbezogene Daten nutzen lassen, um den Bildungscampus smarter und nachhaltiger zu machen“, erklärt Daniela Wiehenbrauk, Studiengangsleiterin des Studiengangs BWL-Digital Commerce Management gegenüber der DHBW Heilbronn. Das klingt zunächst nach dem üblichen Hochschulsprech. Doch was hinter diesem Satz steckt, ist eine bemerkenswerte Verschiebung: Studierende werden zu aktiven Gestaltern ihrer Umgebung.
Ein Beispiel: Bei der „Zero Waste Challenge“ rüsteten die Studierenden gewöhnliche Mülleimer mit Sensoren aus. Das Ergebnis war ernüchternd: 70 Prozent des eingeworfenen Restmülls gehört eigentlich gar nicht dorthin. Es ist ein kleines Datenfragment, das aber viel aussagt über unseren sorglosen Umgang mit Ressourcen. Die Studierenden schlagen nun ein neues Vier-Wege-Trennsystem vor und wollen gar einen Wettbewerb zwischen den Institutionen am Campus initiieren: Wer produziert weniger Müll?
Während manche in diesem Ansatz vielleicht nur einen weiteren technokratischen Versuch sehen, komplexe Probleme mit Sensoren zu lösen, zeigt das Projekt, wie Daten zu einem besseren Verständnis führen können. Die Zahlen lügen nicht: Wir sortieren unseren Müll schlecht, und das ist kein subjektiver Eindruck mehr, sondern eine messbare Tatsache.
Ähnlich pragmatisch gehen die Studierenden das Problem des Lebensmittelverschwendung in der Mensa an. Täglich werden 1.000 Mahlzeiten gekocht, ein erheblicher Teil landet im Müll. Mit einem genaueren Tracking der Besucherzahlen und der Berücksichtigung von Semesterferien und Brückentagen könnte die Zahl der benötigten Mahlzeiten präziser vorhergesagt werden. Ergänzt durch eine App, die Punkte für nachhaltige Essensauswahl vergibt, könnte das System nicht nur Abfall reduzieren, sondern auch das Bewusstsein für nachhaltige Ernährung schärfen.
Beim Fahrrad-Sharing-Projekt zeigt sich, wie sehr die Studierenden in ihrer Stadt verankert sind. Sie haben nicht einfach eine generische Lösung entwickelt, sondern haben durch Umfragen herausgefunden, dass Heilbronn mehr Fahrradparkzonen braucht – sieben zusätzliche zu den bestehenden vier, um genau zu sein. Diese müssten näher an den „Lieblingsorten“ der Studierenden liegen. Es ist dieses lokale Wissen, das den Unterschied macht zwischen einer theoretischen Übung und einer praxistauglichen Lösung.
Interessant ist auch das „Smart Nudging“-Projekt, bei dem die Studierenden mit Plakaten subtile Anreize für nachhaltiges Verhalten geben. „Für dein Herz: eine Treppe pro Tag“ oder „Gleich satt – aber der Erde bleibt mehr. Rindfleisch: 15.000l/kg, Hülsenfrüchte 1.000l/kg“ sind einfache Botschaften, die zum Nachdenken anregen. Eine anschließende Befragung ergab, dass viele ihr Verhalten tatsächlich geändert haben – wenn auch nur für einen Tag. Es ist ein kleiner Erfolg, aber er zeigt, dass Veränderung möglich ist.
Das vielleicht ambitionierteste Projekt ist der „Campus Token“. Hier soll eine App eine Plattform schaffen, über die sich Studierende gegenseitig beim Lernen unterstützen können. Wer Wissen teilt, verdient Token, die wiederum für den Zugang zu Lernmaterialien oder Mitschriften anderer eingesetzt werden können. Es ist eine digitale Ökonomie des Wissens, die die Gemeinschaft stärken könnte.
Der „Mobility Analyzer“ hingegen ist ein Sensor im Parkhaus, der Aufschluss darüber geben soll, wie viele Menschen mit dem Auto zum Campus kommen. Die Daten werden in Echtzeit auf einer Website veröffentlicht, wo zusätzlich der individuelle CO2-Fußabdruck berechnet werden kann. Es ist ein Spiegel, den die Studierenden ihrer Gemeinschaft vorhalten – ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit klaren Daten.
Was alle diese Projekte verbindet, ist ihr pragmatischer Ansatz. Es geht nicht um große Visionen oder revolutionäre Umwälzungen, sondern um konkrete, messbare Verbesserungen im Alltag. Christian Harms, Technischer Leiter für Smart Districts am Bildungscampus Heilbronn/Schwarz IT, und Nikolaus Schlüter, Teamleiter Innovation & Marketing bei Schwarz Campus Service, die die Studierenden begleiteten, denken bereits über die Umsetzung einiger Ideen nach, wie die DHBW Heilbronn mitteilt.
Es ist diese Verbindung von akademischem Wissen und praktischer Anwendung, die den Bildungscampus Heilbronn auszeichnet. Hier werden nicht nur theoretische Konzepte entwickelt, sondern konkrete Lösungen für reale Probleme. In einer Zeit, in der viel über „Smart Cities“ und „Internet of Things“ gesprochen wird, zeigen diese Projekte, was diese Begriffe im Alltag bedeuten können.
Der Bildungscampus wird so zu einem Reallabor für die digitale Transformation – nicht als abstraktes Konzept, sondern als gelebte Praxis. Die Studierenden lernen nicht nur, wie man Sensoren programmiert oder Daten analysiert, sondern auch, wie man mit diesen Werkzeugen die Welt ein kleines bisschen besser machen kann. Und das ist vielleicht die wichtigste Lektion von allen.