Von Redaktion, Foto: Ideogram / Robert Mucha
In der Diskussion um die deutsche Arbeitskultur zeichnet sich ein beunruhigendes Muster ab: viel Meinung, wenig Substanz. Josephine Hofmann, Teamleiterin für „Zusammenarbeit und Führung“ am Fraunhofer IAO, setzt diesem Trend in ihrem aktuellen Blog-Beitrag eine faktenbasierte Perspektive entgegen.
„Die Debatte ist meiner Meinung nach in weiten Teilen durch anekdotische Evidenzen statt seriöser statistischer Analysen und Schlussfolgerungen geprägt“, schreibt Hofmann, die kürzlich im Arte Saloon zur Frage „Wie wenig wollen wir arbeiten?“ zu Gast war. Diese Beobachtung trifft einen wunden Punkt in der öffentlichen Diskussion, die seit den Äußerungen des Bundeskanzlers zu Work-Life-Balance und der 4-Tage-Woche im Frühjahr nicht zur Ruhe kommt.
Im Zentrum der Auseinandersetzung stehen zwei Flexibilisierungsbewegungen: Homeoffice und verkürzte Arbeitswochen. „Sie fungieren gefühlt beide als Synonym einer vermeintlich einseitig überzogenen Orientierung an Vereinbarkeit, mitarbeiterseitigem Wohlbefinden, die den Leistungsgedanken zu wenig beachte“, analysiert Hofmann.
Die Fakten zeichnen ein differenzierteres Bild: Deutschland liegt bei den Arbeitszeiten im internationalen Mittelfeld, mit einem statistischen Durchschnitt, der „überproportional durch viel Teilzeit, insbesondere bei Frauen, geprägt“ wird. Dies ist teils strukturell bedingt durch unzureichende Kinderbetreuung und die einseitige Verlagerung unbezahlter Care-Arbeit auf Frauen. Gleichzeitig verzeichnet Deutschland eine historisch hohe Erwerbstätigenquote.
Die Wirtschaft steckt in einem paradoxen Spannungsfeld: Einerseits gibt es ein branchenspezifisches Fachkräfteproblem und die demografische Herausforderung der ausscheidenden Babyboomer-Generation. Andererseits beobachten wir „wachsende Arbeitslosigkeit, umfassende Abfindungswellen gerade in großen Unternehmen in strukturell kriselnden Branchen (Automobil) oder solchen, die durch heftige technologische Disruptionen gekennzeichnet sind.“
Hofmann identifiziert ein tieferliegendes Problem hinter der Produktivitätsdebatte: Unternehmen versuchen, mit alten Rezepten auf neue Realitäten zu reagieren. „Das Problem liegt meines Erachtens dennoch vor allem darin, dass man glaubt, bei geänderten Rahmenbedingungen wie Zeit- und Ortsflexibilität ohne Änderungen eingefleischter Kommunikations- und Wahrnehmungsroutinen sowie Führungsverhalten einfach ‚wie früher‘ weiterfahren zu können.“
Was also treibt Menschen tatsächlich zu Höchstleistungen an? Hofmann nennt vier entscheidende Faktoren: „Gelingende Kooperation, enge Interaktion, zeitnahes und unmittelbares, multimodales Feedback“, „Erfolge in der Gruppe, die gemeinsam erlebt, gefeiert, gewürdigt werden“, „Inspiration und Motivation durch Begegnung und neue Umgebungen“ sowie „Wirksamkeitserfahrung“ – das Gefühl, dass die eigene Arbeit einen Unterschied macht.
Die Forscherin plädiert für eine differenziertere Diskussion über Leistungskultur und lädt zum Dialog ein: „Was macht die Menschen ‚wirklich wirklich‘ leistungsbereit? Und welche Rahmenbedingungen fördern dies?“ Eine Frage, der sie auch bei der Veranstaltung „New Work im Umbruch“ am 11. November in Stuttgart nachgehen wird.