Von Redaktion, Foto: TUM Campus Heilbronn
In der Fußgängerzone von Heilbronn tastet sich ein weißer Stock vorsichtig über das Pflaster. Doch dieser Langstock ist anders: Kurz bevor er auf ein Hindernis trifft, vibriert er leicht in der Hand seines Trägers – ein fast unmerkliches Signal für Sehende, aber ein entscheidender Vorteil für Menschen mit Sehbehinderung.
Der „Vision Stick“ ist die jüngste Innovation aus dem Labor für cyber-physikalische Systeme am TUM Campus Heilbronn. Unter der Leitung von Professor Amr Alanwar hat ein studentisches Team den klassischen Langstock – seit Jahrzehnten unverzichtbarer Begleiter für blinde und sehbehinderte Menschen – mit moderner Technologie aufgerüstet.
„Die Idee gehört zu den besten im Kurs, denn sie hat einen Mehrwert für die Gesellschaft“, sagt Professor Alanwar über das Projekt seiner Studierenden.
Die Entstehungsgeschichte des „Vision Stick“ beginnt mit einer zufälligen Begegnung in den Straßen Heilbronns. „Eine sehende Begleitperson hatte etwas Dringendes zu erledigen, sprach Adi an und übergab ihm einfach die Führung der blinden Person“, erzählt Teammitglied Kanaya Nisa Ozora. „Diese hatte aufgrund von Bauarbeiten in der Stadt Schwierigkeiten, sich auf der Straße zurechtzufinden.“
Diese alltägliche, aber herausfordernde Situation wurde zum Katalysator für das siebenköpfige Entwicklerteam. Das sogenannte J-Team besteht aus Kanaya Nisa Ozora, Chitsidzo Varaidzo Nemazuwa, Oscar Edgardo Navarro Banderas, Advitya Chopra, Syed Raza Qamar, Süeda Özkaya und Sofia Libman – allesamt Bachelor-Studierende im Fach Information Engineering zwischen 20 und 23 Jahren.
Das technische Konzept ist ebenso elegant wie funktional: Kamerasysteme erkennen Hindernisse im Weg des Nutzers und messen Entfernungen. Diese visuellen Informationen werden in haptisches Feedback übersetzt – zwei Vibrationsmotoren geben durch unterschiedliche Signalmuster Hinweise auf Richtung und Dringlichkeit der erkannten Objekte.
Doch die wahre Innovation liegt nicht allein in der Technik, sondern im nutzerzentrierten Entwicklungsprozess. „Um dieses Gerät für Sehbehinderte einsatzbereit zu machen, haben wir einen Teil der Gesellschaft befragt, der es auch nutzt“, erklärt Kanaya. „Bei einem Treffen mit dem BSVW (Blinden- und Sehbehindertenverband Württemberg e.V., Heilbronn) haben wir besprochen, was ihnen hilft und wie sie ihre Blindenstöcke nutzen, um sich in der Welt zurechtzufinden.“
Nach erfolgreichen Tests im Versuchslabor steht nun die Erprobung in der realen Welt an. Der Prototyp soll zeigen, ob er den Anforderungen des Alltags standhält – ob im dichten Großstadtgewimmel oder auf unebenen Wegen.
In einer Welt, in der Barrierefreiheit immer noch oft ein Fremdwort ist, könnte der „Vision Stick“ einen kleinen, aber bedeutsamen Unterschied im Leben sehbehinderter Menschen machen. Er ersetzt nicht den bewährten Langstock, sondern erweitert dessen Fähigkeiten – eine behutsame Evolution statt einer radikalen Revolution.