Der Preis für den Datenschützer: Wie ein Heilbronner Forscher die Wirtschaftlichkeit der Privatsphäre berechnete

Von Redaktion, Foto:TUM

Am TUM Campus Heilbronn hat Dr. Tobias Kircher eine unbequeme Wahrheit herausgefunden: Datenschutz hat seinen Preis. Für seine Dissertation über die Kosten verschärfter Datenschutzbestimmungen in der digitalen Werbung erhielt er nun den Förderpreis der HORIZONT-Stiftung – und zeigt, dass die Debatte um Privatsphäre im Netz komplizierter ist als gedacht.

Es gibt diese Momente in Berlin, in denen die Provinz plötzlich im Rampenlicht steht. Als Dr. Tobias Kircher diese Woche auf die Bühne des HORIZONT-Kongresses trat, um den Förderpreis der HORIZONT-Stiftung entgegenzunehmen, war er nicht nur ein Nachwuchswissenschaftler mit einer bemerkenswerten Dissertation. Er war auch ein Botschafter jenes akademischen Ökosystems, das in Heilbronn in den letzten Jahren herangewachsen ist.

„Ich freue mich sehr, dass die Jury meine Doktorarbeit relevant findet“, sagt Kircher mit der Bescheidenheit eines Wissenschaftlers, der weiß, dass seine Arbeit erst der Anfang ist. „Der Preis ist nicht nur eine fantastische Auszeichnung, er ist auch eine einzigartige, wunderbare Möglichkeit, weitere Forschungsprojekte mit Praxispartnern aus Medien und Werbung zu begründen.“

In seiner Dissertation „The Costs of Strengthening Data Privacy in Digital Advertising“ hat Kircher untersucht, was passieren würde, wenn das personalisierte Tracking für Werbezwecke komplett verboten würde. Es ist ein Thema, das in einer Zeit, in der Datenschutz und digitale Souveränität zu den großen gesellschaftlichen Debatten gehören, besondere Brisanz hat.

Seine Ergebnisse sind ernüchternd für alle, die glauben, dass mehr Datenschutz automatisch zu einer besseren Welt führt. Ein komplettes Trackingverbot, so Kircher, würde zu einem „dramatischen Einbruch bei den App-Entwicklungen führen“ und die „Innovationskraft schwächen“. Besonders betroffen wären werbefinanzierte Geschäftsmodelle und kleinere Unternehmen. Mit einem „sinkenden Unternehmertum“ wäre zu rechnen.

Für Konsumenten hätte ein solches Verbot spürbare Folgen: weniger Werbeeinnahmen für Unternehmen bedeuteten weniger Qualität und Vielfalt bei Apps, viele könnten ganz verschwinden. Und die verbleibende Werbung würde die Nutzer „vermehrt unterbrechen“ – eine höfliche Umschreibung für das, was jeder kennt, der schon einmal beim Videoschauen von einem unpassenden Werbespot aus dem Narrativ gerissen wurde.

Es ist eine Arbeit, die perfekt in die DNA des TUM Campus Heilbronn passt. Hier, wo Wirtschaftswissenschaften und Technologie zusammenfließen, werden genau solche Fragen untersucht: Wie wirken sich technologische Entwicklungen und regulatorische Eingriffe auf Märkte, Unternehmen und Verbraucher aus? Welche nicht beabsichtigten Nebenwirkungen könnten gut gemeinte Regulierungen haben?

Die HORIZONT-Stiftung, die in diesem Jahr Förderpreise und Stipendien in einer Gesamthöhe von mindestens 15.000 Euro ausschreibt, hat mit Kircher einen Forscher ausgezeichnet, der genau solche praxisnahen Fragestellungen bearbeitet. Die Stiftung sucht nach Projekten, die sich mit der „zukünftigen Entwicklung der Kommunikations-, Medien- und Werbeindustrie“ beschäftigen – und Kirchers Arbeit trifft genau diesen Nerv.

Während in der öffentlichen Debatte oft die Extreme dominieren – hier die bedingungslosen Verfechter des Datenschutzes, dort die Datenhunger der Tech-Konzerne – zeigt Kirchers Forschung die Komplexität der Materie. Es gibt keine einfachen Lösungen, keine Schwarz-Weiß-Entscheidungen. Jede Regulierung hat ihren Preis, und diesen Preis sollten wir kennen, bevor wir entscheiden.

In einer Stadt wie Heilbronn, die sich von der Industrie- und Weinstadt zur Bildungs- und Technologiestadt gewandelt hat, ist Kirchers Forschung ein weiterer Baustein im wachsenden akademischen Profil. Der TUM Campus, Teil des größeren Bildungsökosystems mit DHBW, Hochschule Heilbronn und Forschungsinstituten, hat sich in wenigen Jahren als relevanter Player in der deutschen Wissenschaftslandschaft etabliert.

Kirchers Auszeichnung ist nicht nur eine persönliche Ehre, sondern auch ein Signal: In Heilbronn entstehen Forschungsergebnisse von nationaler Relevanz. Wer über die Zukunft der digitalen Wirtschaft nachdenkt, kommt an diesem Standort nicht mehr vorbei.

Ein ausführlicher Bericht über Tobias Kirchers Forschungsprojekt wird bald auf Mindshift Online erscheinen. Es wird interessant sein zu sehen, welche weiteren Erkenntnisse seine Arbeit bereithält – und welche Konsequenzen sich daraus für die Regulierung der digitalen Werbelandschaft ergeben könnten. Denn eines hat seine Dissertation bereits gezeigt: Die Kosten des Datenschutzes sind real, und wir sollten sie kennen, bevor wir entscheiden, wie viel Privatsphäre uns wert ist.

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