Der Dreiklang aus Sport, Studium und Arbeit: Anja Brezings geschickter Balanceakt

Von Redaktion, Foto: Hochschule Heilbronn

Es ist ein vertrautes Bild in Stuttgart-Stammheim: Während andere Studierende ihre Nachmittage in Cafés verbringen oder über Büchern brüten, steht Anja Brezing auf dem Rasen und schlägt mit präziser Wucht einen Ball über eine 1,90 Meter hohe Leine. Die Logistik- und Mobilitätsmanagement-Studentin der Hochschule Heilbronn gehört zu den wenigen, die den Spagat zwischen Spitzensport, akademischer Bildung und Berufseinstieg meistern – in einer Sportart, von der die meisten noch nie gehört haben.

„Es ist eine sehr alte Sportart, aber heutzutage ist Faustball leider gar nicht mehr bekannt“, erklärt Brezing, die kürzlich mit dem Spitzensport-Stipendium der Heilbronner Hochschulen ausgezeichnet wurde. Seit ihrem sechsten Lebensjahr ist sie dem Sport treu, der wie ein entfernter Cousin des Volleyballs wirkt, aber auf einem deutlich größeren Spielfeld mit nur fünf Spielerinnen ausgetragen wird.

Der Ball darf bei dieser Rückschlagsportart dreimal berührt werden und zwischen den Kontakten jeweils einmal auf dem Boden aufkommen, bevor er mit der Faust über die Leine befördert wird. Im Winter in der Halle, im Sommer auf dem Rasen – die Saisons folgen nahtlos aufeinander, ohne dass Brezing Zeit hätte, Luft zu holen. Und dennoch: „Ich muss Sport machen, mich bewegen, das macht mir einfach Freude. Ich brauche diesen Ausgleich zum Studium oder zur Arbeit“, betont sie.

Der Trainingsplan ist straff: Drei Einheiten pro Woche mit der Mannschaft, dazu selbstständiges Athletiktraining und an den Wochenenden während der Saison die Spieltage. Die Feldsaison erstreckt sich von April bis Juli, die Hallensaison von September bis März. Dazwischen bleibt wenig Zeit für anderes – und doch hat Brezing 2019 eine Ausbildung zur Speditionskauffrau abgeschlossen, arbeitet 15 Stunden wöchentlich als Werkstudentin in einem Logistikbüro und pendelt täglich von Stuttgart nach Heilbronn zum Studium.

„Man muss es gut planen, aber wenn man will, findet man immer Zeit, auch mal zum Nichtstun“, sagt sie mit einer Gelassenheit, die beeindruckt. Dieser Satz könnte als Motto über ihrem Leben stehen, ein Leben, das durch straffe Organisation und klare Prioritäten geprägt ist.

Ihr Heimatverein, der TV Stammheim, ist längst zu einer zweiten Familie geworden. „Ich spiele jetzt seit fast 10 Jahren mit ungefähr den gleichen Leuten zusammen“, erzählt sie. Die Mannschaft hat sich in der ersten Bundesliga etabliert, sowohl in der Halle als auch auf dem Feld. 2024 gelang sogar die Qualifikation für die Deutsche Meisterschaft – für Brezing bisher der Höhepunkt ihrer sportlichen Laufbahn.

„Es war wirklich eine großartige Kulisse in einem großen Stadium. Das hat sehr viel Spaß gemacht“, erinnert sie sich. Doch ihr Ehrgeiz reicht weiter: „Es ist immer noch mein größtes Ziel, in die Nationalmannschaft reinzukommen oder zumindest nochmal auf Lehrgänge eingeladen zu werden.“

Das Studium in Heilbronn war eine bewusste Entscheidung. Die Nähe zu Stuttgart ermöglicht es ihr, beim TV Stammheim zu bleiben, auch wenn der tägliche Pendlerweg mit etwa einer Stunde zu Buche schlägt. „Ich versuche die Zeit im Zug sinnvoll zu nutzen“, erklärt sie pragmatisch.

Eine wichtige Unterstützung bietet ihr das Spitzensport-Stipendium. „Bei Vorlesungen oder wichtigen Terminen der Hochschule am Wochenende, die ich wegen Spielen oder Training nicht wahrnehmen kann, sprechen die Verantwortlichen vom Spitzensportstipendium mit den Professoren. Das ist eine super Unterstützung“, berichtet Brezing. Die offizielle Anerkennung durch das Stipendium erhöht die Bereitschaft der Lehrenden, ihr entgegenzukommen.

Zwischen Trainingseinheiten und Vorlesungen bleibt ihr wenig Zeit für die kleinen Dinge des Alltags. Zur Hochschule fährt sie meist mit dem Zug, privat nutzt sie so oft wie möglich das Fahrrad. Ihre engsten Freunde trainieren mit ihr im Verein, Zeit für andere findet sie trotzdem noch. Bei Wettkämpfen stärkt sie sich mit Bananen und Energieriegeln, im Sommer grillt sie gerne.

Wer Anja Brezing beobachtet, sieht eine junge Frau, die ihre Zeit nicht verschwendet, die jeden Moment nutzt und dennoch nicht gehetzt wirkt. Sie verkörpert eine Generation, die es gewohnt ist, mehrere Lebensbereiche gleichzeitig zu jonglieren, ohne dass einer zu kurz kommt. Vielleicht ist es gerade die Disziplin des Sports, die ihr diese Fähigkeit verleiht – die Konzentration auf den Moment, die Fokussierung auf das Wesentliche.

In einer Zeit, in der viele junge Menschen über Stress und Überforderung klagen, zeigt Brezing, dass ein volles Leben nicht zwangsläufig ein überfordertes sein muss. Mit ihrem unprätentiösen „wenn man will, findet man immer Zeit“ stellt sie eine einfache Formel auf, die in ihrer Selbstverständlichkeit fast provokant wirkt. Aber sie lebt, was sie sagt – zwischen Vorlesungssaal, Büroschreibtisch und dem grünen Rasen eines Sportplatzes, der für die meisten ein unbekanntes Terrain bleiben wird.

Melden Sie sich für unseren Newsletter an!