Von Redaktion, Foto: Julian Hoffmann
Kapitän zur See Michael Giss, protokollarisch höchster Soldat in Baden-Württemberg, war zu Gast am Ferdinand-Steinbeis-Institut. Im Gespräch mit dem FSTI sprach er über hybride Bedrohungen, digitale Abhängigkeiten und darüber, warum Heilbronns KI-Ökosystem auch für die Bundeswehr relevant ist.
Es gibt Besuch, der den Blick auf einen Standort verschiebt. Kapitän zur See Michael Giss, Kommandeur des Landeskommandos Baden-Württemberg, gehört zu dieser Kategorie. Am 11. Februar 2026 sprach er auf Einladung des Ferdinand-Steinbeis-Instituts und der IHK Heilbronn-Franken vor rund 40 Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft am Heilbronner Bildungscampus. Das Thema: Cybersicherheit, Sicherheitspolitik, Technologie und Resilienz. Drei Begriffe, die am KI-Standort Heilbronn inzwischen nicht mehr nur in der Theorie diskutiert werden.
Das FSTI hat Giss im Anschluss drei Fragen gestellt. Die Antworten machen deutlich, dass der Heilbronner KI-Standort inzwischen auch aus einer Perspektive wahrgenommen wird, die bislang wenig mit der hiesigen Bildungslandschaft in Verbindung gebracht wurde: der Landesverteidigung.

KI-Standort Heilbronn: Auch für die Bundeswehr von Bedeutung
Auf die Frage, welche Rolle zivile Forschungsstandorte wie Heilbronn aus Sicht der Bundeswehr spielen können, wurde Giss im Interview mit dem FSTI deutlich: „Eine sehr wichtige Rolle.“ Er verwies darauf, dass die Bundeswehr über solche Standorte hochqualifizierte Fachkräfte gewinnen könne. Zudem zeige der Krieg in der Ukraine seit fast fünf Jahren, in welchem Ausmaß moderne Konflikte auf Technologie basieren. Giss nannte als Beispiel den KI-Einsatz in Drohnen und räumte ein, dass die Bundeswehr hier Nachholbedarf habe.
Die Lücke, so Giss weiter, könne die Bundeswehr aus eigener Kraft nicht schnell genug schließen und sei deshalb auf Kooperationen angewiesen. Er brachte eine Allianz zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Bundeswehr ins Spiel, wie sie gemeinsam mit der TUM in München gerade aufgebaut werde. Für Heilbronn, wo sowohl die TUM als auch zahlreiche Forschungseinrichtungen und mit dem IPAI eines der größten KI-Ökosysteme Europas angesiedelt sind, ist das ein Signal. „Wir sind da aber auf Berlin angewiesen, wie bei so manch anderem Thema auch“, schränkte Giss ein.
Cybersicherheit: Ein Weckruf für den Mittelstand
Beim Thema Cybersicherheit fand der Kommandeur klare Worte. Die Bedrohung bestimmter Akteure gegen Deutschland und Westeuropa sei kein neues Phänomen: „Das passiert jeden Tag“, sagte Giss im FSTI-Interview. Sein Appell richtete sich gezielt an mittelständische Unternehmen. Wer nicht wisse, was zu tun sei, solle sich die Expertise ins Haus holen, notfalls über externe Beratung.
Giss betonte dabei, dass es nicht nur um die Absicherung der eigenen Systeme gehe. Auch die Schnittstellen zu Zulieferern und die gesamte Lieferkette müssten gehärtet werden. Als Beispiel nannte er die Automobilproduktion, in der kleinste Teile per Just-in-Sequence-Verfahren über Tausende Kilometer ans Band geliefert werden: „Das würde im Ernstfall nicht mehr funktionieren.“ Das große Ziel sei Lieferfähigkeit auch im Spannungs- oder Verteidigungsfall.
Digitale Souveränität und Cybersicherheit als zwei Seiten einer Medaille
Auch bei der Frage nach digitaler Souveränität, einem Thema, das in Heilbronn unter anderem am IPAI intensiv bearbeitet wird, sprach Giss Klartext. Im Falle einer Konfrontation mit der NATO werde Russland im Vorfeld versuchen, mit hybriden Mitteln zu schwächen. Der Cyberraum spiele dabei eine wesentliche Rolle. Giss warnte vor Attacken auf Banksysteme, Tankstellen und den öffentlichen Nahverkehr.
Der Ansatz, bei sich selbst anzufangen, sei richtig, reiche aber nicht aus. „Es muss auch von oben etwas passieren, koordiniert und mit der nötigen Geschwindigkeit“, forderte Giss. Digitale Souveränität und Cybersicherheit seien dabei eng miteinander verbunden.
Heilbronn als Standort im sicherheitspolitischen Kontext
Der Besuch von Kapitän zur See Giss am FSTI unterstreicht, dass Heilbronns Bildungs- und Forschungslandschaft mittlerweile auch sicherheitspolitische Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das Ferdinand-Steinbeis-Institut, das auf dem Bildungscampus zu Themen wie Digitalisierung und Business Transformation forscht, hatte gemeinsam mit der IHK Heilbronn-Franken zu der Veranstaltung eingeladen. Die Kombination aus KI-Forschung, Hochschulstandort und Innovationsökosystem macht Heilbronn offenbar auch für Akteure interessant, die man bislang nicht auf dem Bildungscampus erwartet hätte.