Von Redaktion, Foto: HHN
Daniel Nill, Perspektivprofessor an der Hochschule Heilbronn, sieht für den Audi-Standort Neckarsulm eine starke industrielle Perspektive. Die Transformation des Audi-Standorts Neckarsulm sollte sich aus seiner Sicht aber nicht am Erhalt heutiger Produkte orientieren. Stattdessen gehe es um Wertschöpfung und qualifizierte Beschäftigung auf lange Sicht. Das Heilbronner KI-Ökosystem sei dabei ein Standortvorteil.
Neckarsulm hat den industriellen Wandel schon mehrfach vollzogen. Am Anfang standen Strickmaschinen. Danach folgten Fahrräder, Motorräder und schließlich das Automobil.
Genau darauf verweist Daniel Nill. Er ist Perspektivprofessor an der Fakultät Wirtschaft der Hochschule Heilbronn (HHN) und Experte für digitale Wertschöpfung. In einem Beitrag der Hochschule ordnet er die Lage des Audi-Standorts ein.

Transformation des Audi-Standorts Neckarsulm: Druck und Stärken zugleich
Die Perspektive des Standorts sei stark, aber kein Selbstläufer, so Nill. Der Wandel zur Elektromobilität erhöhe den Druck. Hinzu kämen neue Wettbewerber und der konzerninterne Wettbewerb um Produkte und Investitionen.
Zugleich bringe Neckarsulm viel mit. Dazu zählt Nill eine hochqualifizierte Belegschaft, industrielle Infrastruktur und jahrzehntelanges Fertigungs-Know-how. Als zusätzlichen Standortvorteil nennt er das Heilbronner KI-Ökosystem.
Entscheidend sei deshalb nicht, heutige Strukturen zu konservieren. Ebenso wenig gehe es darum, den Standort an einzelne Modelle zu binden. Die eigentliche Frage laute, wie sich die vorhandenen Stärken nutzen lassen.
Vom Standort aus denken, nicht vom Produkt
Für den Weg dorthin nennt Nill eine klare Reihenfolge. »Transformation gelingt nur, wenn man vom Standort und nicht vom heutigen Produkt aus denkt«, sagte er.
Zu klären sei zunächst, welche Fähigkeiten, Anlagen, Flächen und welches industrielle Know-how vorhanden sind. Erst danach stelle sich die Frage, welche neuen Märkte und Technologien dazu passen.
Genau diesen Wandel habe Neckarsulm historisch mehrfach geschafft. Entscheidend sei dabei nie das Festhalten an einem bestimmten Produkt gewesen. Vielmehr habe es die Fähigkeit gebraucht, industrielle Kompetenz immer wieder neu zu übersetzen.
Robotik, Automatisierung und intelligente Produktion
Diese Offenheit brauche es heute erneut. Nill nennt dafür mehrere Felder. Dazu gehören Robotik, Automatisierung und Künstliche Intelligenz.
Ebenso führt er intelligente Produktionssysteme an. Denkbar seien zudem ganz andere Formen industrieller Wertschöpfung. Wichtig sei, diesen Suchprozess frühzeitig zu beginnen.
Wer sich gedanklich bereits auf das nächste Fahrzeugmodell festlege, verkürze diesen Prozess. Das gelte auch dann, wenn die heutigen Produkte noch erfolgreich sind.
Was das für die Beschäftigten bedeutet
Gerade wegen der Beschäftigten müsse Transformation stattfinden, argumentiert Nill. Beschäftigungssicherung bedeute nicht, bestehende Strukturen möglichst lange zu erhalten. Stattdessen gehe es darum, frühzeitig neue Aufgaben, Kompetenzen und Wertschöpfung aufzubauen.
Gefährlich wäre es aus seiner Sicht, den Menschen zu suggerieren, im Kern könne alles bleiben, wie es ist. Genau hier sieht er eine zentrale Verantwortung des Managements.
Viele der technologischen, demografischen und wettbewerblichen Veränderungen seien seit Jahren absehbar. Notwendige Entscheidungen immer weiter aufzuschieben, hält Nill deshalb für problematisch. Führung heiße auch, Entwicklungen frühzeitig ernst zu nehmen und in die eigene Zukunft zu investieren.
Politik lasse sich kritisieren, so Nill weiter. Sie entbinde Unternehmensführungen jedoch nicht von ihrer Verantwortung für Wettbewerbsfähigkeit. Wer diese Verantwortung zu lange vertage, gefährde am Ende genau die Arbeitsplätze, die er schützen wolle.