Wenn Rektoren Klartext reden: Baden-Württembergs Hochschulen fordern weniger Bürokratie und mehr Vertrauen

Von Redaktion, Foto: DHBW Heilbronn

Bei „Hochschulen im Dialog“ in Stuttgart diskutierten Wissenschaft und Politik über die Zukunft – DHBW-Präsidentin Klärle warnt vor wirtschaftlichen Risiken für das duale Modell

Michael Weber hat genug. Der Präsident der Universität Ulm und Vorsitzende der Landesrektorenkonferenz findet deutliche Worte: „Das Land sollte Vertrauen in die Universitäten und ihre gelebte Fehlerkultur haben“, wird er in der Mitteilung der DHBW zitiert. „Eine zu enge Kontrolle im Sinne umfassender Berichtspflichten bremst die Entwicklung neuer Ideen und ihren Transfer in die Praxis aus.“

Es sind Sätze wie diese, die den Abend „Hochschulen im Dialog“ in Stuttgart prägen. Unter dem Motto „Wissen wirkt weiter“ kommen Vertreter aus Wissenschaft und Politik zusammen – und reden ungewohnt offen über das, was nicht läuft.

Martina Klärle, Präsidentin der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, zu der auch der Standort Heilbronn gehört, spricht eine andere Sorge aus: „Die wirtschaftliche Lage beeinflusst die Bereitschaft vieler Betriebe, in Studierende zu investieren“, wird sie zitiert. Das trifft ins Mark des dualen Modells – ohne Unternehmen, die Studienplätze anbieten, funktioniert das System nicht. „Wir müssen die Unternehmen ermutigen, weiterhin in junge Menschen zu investieren.“

Die Gebührenfrage

Stephan Trahasch, Vorsitzender der HAW-Rektorenkonferenz und Rektor der Hochschule Offenburg, legt den Finger in eine andere Wunde. Mit Blick auf sinkendes MINT-Interesse bei deutschen Studierenden und hohe Nachfrage internationaler Talente fordert er laut Mitteilung: „Wir brauchen Offenheit für internationale Talente statt Zugangshürden.“ Seine Forderung: Weg mit den Studiengebühren für internationale Studierende.

Wissenschaftsministerin Petra Olschowski versucht den Spagat. „Ein großer Trumpf Baden-Württembergs ist unsere sehr ausdifferenzierte Hochschullandschaft“, wird sie zitiert. Hochschulschließungen werde es nicht geben, „wohl aber eine stärkere Clusterbildung nach inhaltlichen Schwerpunkten – insbesondere in Feldern wie Sicherheit und Verteidigung.“

Jörg-U. Keßler, Chef der Pädagogischen Hochschulen, warnt vor wachsender Wissenschaftsskepsis: „Zweifel und gefühlte Wahrheiten gefährden die Demokratie.“ Seine Forderung: Frühkindliche Bildung und Sprachförderung stärken, „um Grundlagen für wissenschaftliches Denken zu legen.“

Politik antwortet – vorsichtig

Die Landtagsabgeordneten nehmen die Bälle auf, spielen sie aber vorsichtig zurück. Andreas Schwarz von den Grünen fordert „mehr finanzielle Planbarkeit und Vertrauen“. Timm Kern (FDP) und Alexander Becker (CDU) werben für „neue Allianzen“ und Innovationscampus-Strukturen. Gabi Rolland (SPD) mahnt, Bildung fange in der Kita an: „Ich weiß nicht, ob das in Baden-Württemberg verstanden wurde.“

Trotz unterschiedlicher Akzente herrscht laut DHBW-Mitteilung Einigkeit: „Bildung und Wissenschaft sind zentrale Investitionen in Wohlstand und Demokratie.“ Schwarz bringt es auf eine Formel: „Ich kann nur wirtschaftlich bestehen, wenn ich in Bildung investiere.“

Was das für Heilbronn bedeutet

Die Diskussion in Stuttgart zeigt die Herausforderungen, vor denen auch der Wissenschaftsstandort Heilbronn steht. Die DHBW mit ihren engen Unternehmenspartnerschaften ist besonders verwundbar, wenn Firmen sparen. Die internationale Ausrichtung von TUM und Hochschule Heilbronn könnte unter Studiengebühren leiden. Und der Ruf nach weniger Bürokratie gilt besonders für neue Strukturen wie den IPAI, die schnell und flexibel agieren müssen.

„Hochschulen im Dialog“ ist eine gemeinsame Initiative der Landesrektorenkonferenzen. Das Format, so heißt es in der Mitteilung, soll „den hochschulübergreifenden Austausch mit Politik und Öffentlichkeit“ stärken. Das gemeinsame Fazit der Hochschulen: „Wissen wirkt weiter, wenn wir es teilen.“

Die Botschaft aus Stuttgart ist klar: Die Hochschulen wollen mehr Freiheit, weniger Kontrolle, bessere Finanzierung. Ob die Politik liefert, wird sich zeigen. 

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