Von Redaktion, Foto: IPAI
Audi und Porsche, nur wenige Schritte voneinander entfernt. Polizisten diskutieren mit Chipforschern. Ein humanoider Roboter entschuldigt sich für seine Deutschkenntnisse. Was am zweiten IPAI Experience Day in Heilbronn geschah, zeigt, wie ein neues Ökosystem die Spielregeln der Zusammenarbeit verändert – und warum über 700 Besucher dafür nach Heilbronn kamen.
Es ist dieser eine Moment im Erdgeschoss der IPAI Spaces, der zeigt, worum es eigentlich geht. Der humanoide Roboter Mirokai versucht, eine Blume entgegenzunehmen. Die Bewegung stockt. »Entschuldigung«, sagt die Maschine plötzlich, »ich habe dich nicht ganz verstanden.« Roger Wolf, der daneben steht, bittet um Nachsicht. Die deutsche Sprache, erklärt er, die Datenmenge sei so groß, dass nicht alles lokal gespeichert werden könne. Es müsse extern übermittelt werden. Genau hier, in diesem kurzen Moment zwischen Faszination und technischer Realität, wird deutlich, was den IPAI Experience Day ausmacht: Es geht nicht um fertige Lösungen, sondern um den Weg dorthin.
Über 700 Fachleute aus Wirtschaft, öffentlichem Sektor und Wissenschaft kamen am 11. November zum zweiten Experience Day nach Heilbronn. Die Veranstaltung war mehr als ein Branchentreffen – sie war ein Beleg dafür, dass sich in der Region ein KI-Ökosystem entwickelt, das mittlerweile mehr als 100 Member und Partner umfasst. »Wir haben die riesengroße Chance, mit dem Ipai einer der Transformationsleuchttürme in Deutschland zu sein«, sagte IPAI-Geschäftsführer Moritz Gräter laut Heilbronner Stimme.

Zwischen Konkurrenz und Kooperation
Die Besonderheit des Tages zeigt sich bereits in der räumlichen Anordnung. Audi und Porsche – im Markt Konkurrenten – liegen mit ihren gläsernen Büros nur wenige Schritte auseinander. Was anderswo undenkbar wäre, funktioniert hier. Der Grund: Es gibt genug Bereiche, in denen Wettbewerb keine Rolle spielt. Wie schult man Mitarbeiter in Sachen KI? Welche Anwendungen sind wirklich sinnvoll? »Man kann viel voneinander lernen«, sagte Jens Ilg von EBM-Papst der Heilbronner Stimme. »In unterschiedlichen Dingen arbeiten wir zusammen.« Für sein Unternehmen sei die Präsenz im IPAI »super wichtig«.
Das Team von EBM-Papst zeigte beim Experience Day, wie KI in Bereichen wie Einkauf, Marketing und Finanzierung zum Einsatz kommt. »KI kann besser die Zusammenhänge in den Daten erkennen und Vorhersagen treffen«, erklärte Jan Koch laut Heilbronner Stimme. Manuelle Aufwände sollen reduziert werden – auch saisonale Belange spielen eine Rolle bei der Planung.
Bei Fischer demonstrierte Marcus Keller eine Anwendung, die dem Hobbyhandwerker per KI anzeigt, aus welchem Material eine Wand besteht. Klopfen genügt. »Ipai ist eine hervorragende Institution, um sich auszutauschen und Erfahrungen zu teilen«, sagte er der Heilbronner Stimme. Das »gemeinsame Verständnis« helfe.
Die Schwarz-Gruppe präsentierte ein System, das automatisch Gemüse und Obst erkennt. Auf allen Stockwerken im Gebäude war Mitmachen und Ausprobieren angesagt – von Workshops über Tech Talks bis zu Panels über digitale Souveränität und den Einsatz von KI in der Verteidigung.
Polizei und Chips: Die Bandbreite des Netzwerks
Auch die Polizei Baden-Württemberg gehört zu den ersten Mitgliedern des KI-Netzwerks. Durch die besondere Nähe zu den Unternehmen sei man dichter »am Puls der Zeit«, sagte Martin Schmid laut Heilbronner Stimme. »Der Impact findet viel früher statt.«
Erst seit wenigen Wochen an Bord ist das belgische Computerchip-Forschungsinstitut Imec. Die Mitarbeiter präsentierten, was sie in Heilbronn im Bereich der Automobilindustrie vorhaben. Produkte sollen entwickelt werden, die später von den Herstellern selbst produziert werden, sagte Dieter Hoffend laut Heilbronner Stimme. Bis Labore im IPAI Campus bezugsfertig sind, sucht Imec derzeit entsprechende Räume in der Region. Die Forscher brauchen spezielle Bodenbeläge, um die Chips nicht zu zerstören, eine gute Entlüftung und viel Kapazität für die Datenübertragung. Imec will auch in Fachkräfte investieren und arbeitet dabei mit dem Landesgraduiertenzentrum zusammen, das in Heilbronn angesiedelt werden soll.
Zehn Millionen Euro für den Campus
Der Experience Day war auch der Rahmen für einen wichtigen politischen Moment. Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut übergab zwei Förderbescheide in Höhe von insgesamt rund 10,3 Millionen Euro an IPAI-CEO Moritz Gräter und CFO Dr. Benjamin Schiller. Zehn Millionen Euro fließen in die Errichtung des Start-up Innovation Centers auf dem künftigen IPAI Campus, rund 325.000 Euro in das Projekt »Women in AI«. Beide Förderungen sind Teil der 50 Millionen Euro, die das Land für die Realisierung des IPAI zur Verfügung stellt.
»Wir alle erleben in der Zeit einen massiven Wettbewerbsdruck weltweit, gerade eben auch in unseren angestammten Branchen«, sagte die Ministerin laut Heilbronner Stimme. »Deswegen ist es dringend und zwingend notwendig, dass wir diesen Sprung machen.« Bei KI solle man zum Mitgestalter werden. »Ich empfinde den Ipai immer als einen Ort, an dem Innovationen konkret werden, an dem greifbar wird und man erlebt, was alles möglich ist.«
Das Start-up Innovation Center wird mit einer Kapazität von rund 250 Schreibtischplätzen junge Unternehmen in einer entscheidenden Phase unterstützen – vor allem solche mit fortgeschrittenem Reifegrad, die sich bereits in der Phase der Markteinführung oder Skalierung von KI-Technologien befinden.
Was auf dem Gang besprochen wird
Was das IPAI-Netzwerk ausmacht, lässt sich nicht in Zahlen fassen. Es ist die Tatsache, dass sich Mitarbeiter auf dem Gang begegnen und Themen ansprechen können, ohne einen langen Dienstweg einhalten zu müssen. Dass Rechtsabteilungen unterschiedlich großer Unternehmen zusammen in Fortbildungen sitzen. Dass ein humanoider Roboter um Verständnis für seine Sprachprobleme bittet – und alle im Raum wissen, dass genau solche Momente Teil des Lernprozesses sind.
»Mit dem Spatenstich haben wir den Startpunkt für den Aufbau des IPAI Campus gesetzt, die jetzige Förderung ist nun der nächste Schritt, um unsere Vision von Heilbronn als europäischem Hotspot für KI Realität werden zu lassen«, sagte Moritz Gräter laut Pressemitteilung des Landes Baden-Württemberg. Der Spatenstich hatte am 21. Oktober in Anwesenheit von Bundeskanzler Friedrich Merz stattgefunden.
Die Zahlen des Experience Day sprechen für sich: IPAI konnte die Zahl der Member und Partner innerhalb eines Jahres mehr als verdoppeln. Mehr als 700 Besucher zeigen, dass Heilbronn als KI-Standort ernst genommen wird. Und dass aus Konkurrenten Nachbarn werden können, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.Wiederholen