Von Redaktion, Foto: experimenta
Heilbronns Science Center schafft am 29. September erneut einen geschützten Raum für Menschen im Autismus-Spektrum und alle, die weniger Reize brauchen
Drei Stunden ohne Lärm, ohne grelle Lichter, ohne die übliche Geschäftigkeit eines vollen Science Centers – das bietet die experimenta am 29. September mit ihrer zweiten „Stillen Stunde“. Was für die meisten Besucher zur normalen Museumserfahrung gehört, kann für Menschen im Autismus-Spektrum zur echten Herausforderung werden.
Die experimenta hat das erkannt und handelt. Von 14 bis 17 Uhr verwandelt sich Deutschlands größtes Science Center in einen Ort der Ruhe. Die Initiative richtet sich laut Pressemitteilung der experimenta „insbesondere an Personen aus dem Autismus-Spektrum“, schließt aber niemanden aus, der einfach mehr Ruhe braucht. Ein inklusiver Ansatz, der zeigt: Die Heilbronner Bildungslandschaft denkt weiter als nur an die Mehrheit ihrer Besucher.
Das Konzept ist durchdacht. Besonders laute Mitmachstationen werden gekennzeichnet, einige komplett abgeschaltet. Die Besucherzahl wird begrenzt, „um eine ruhige und geschützte Umgebung zu gewährleisten“, wie die experimenta mitteilt. Im Untergeschoss stehen zwei Rückzugsräume bereit, ausgestattet mit speziellen Taschen, die laut experimenta „Gegenstände wie Kopfhörer und sensorisches Spielzeug“ enthalten – Hilfsmittel, die bei Reizüberflutung beruhigen können.
Dass Inklusion mehr bedeutet als nur bauliche Barrierefreiheit, zeigt das kulturelle Rahmenprogramm. Um 14:30 Uhr läuft im Experimentaltheater das Stück „Lumina“ – komplett ohne Worte. „Das gleichnamige Fantasiewesen bringt mit Nebel, Seifenblasen und singenden Gläsern sich und seine Welt zum Leuchten“, heißt es in der Mitteilung. Ein inklusives Theatererlebnis, das beweist: Kunst braucht nicht immer Sprache, um zu berühren.
Der Science Dome zeigt um 16 Uhr den Film „Expedition Reef“. Auch hier wurde mitgedacht: Die Zuschauer tauchen visuell in die Welt der Korallenriffe ein – ohne überfordernde akustische Reize.
Die Aktion fügt sich nahtlos in die Entwicklung der Wissensstadt Heilbronn ein. Während auf dem Bildungscampus internationale Universitäten wie die TU München und die ETH Zürich Forschung auf Weltniveau betreiben, zeigt die experimenta, dass Exzellenz auch bedeutet, niemanden zurückzulassen. „Mit der Stillen Stunde möchte die experimenta das Bewusstsein für Beeinträchtigungen schärfen, die für das Auge unsichtbar, aber für die betroffenen Menschen und deren Angehörigen mit starken Einschränkungen verbunden sind“, betont das Science Center in seiner Mitteilung.
Praktisch gedacht ist die Aktion allemal: Eine Anmeldung über den Ticketshop oder telefonisch unter 07131 887 95-0 ist notwendig, da das Kontingent begrenzt ist. Das Team vom Infoservice gibt laut experimenta auch „Auskunft über mögliche Triggerpunkte und sensorische Reize im Programm“ – ein Service, der zeigt, dass hier nicht nur eine PR-Aktion abgespult wird, sondern echtes Verständnis für die Bedürfnisse der Zielgruppe vorhanden ist.
Bei gutem Wetter öffnet sich sogar die Dachterrasse mit Teleskopen zur Sonnenbeobachtung – auch hier in der reduzierten, ruhigen Variante. Die experimenta beweist damit: Wissenschaftsvermittlung funktioniert auch leise.
Die Initiative ist mehr als nur ein Nachmittag mit reduzierter Lautstärke. Sie ist ein Statement in einer Stadt, die sich gerade neu erfindet. Während Heilbronn mit Milliardeninvestitionen der Dieter Schwarz Stiftung zum Wissenschaftsstandort ausgebaut wird, während hier über KI, Quantencomputer und die Zukunft der Mobilität geforscht wird, vergisst die experimenta nicht die Menschen, für die der Alltag schon Herausforderung genug ist.
Das ist kein Zufall, sondern Programm. Die Wissensstadt Heilbronn will nicht nur Spitzenforschung nach Baden-Württemberg holen, sondern auch zeigen, dass moderne Bildung inklusiv gedacht werden muss. Die Stille Stunde ist dabei nur ein Baustein – aber ein wichtiger.
Weitere Informationen und Anmeldung unter www.experimenta.science/Veranstaltungen