Vom Hauptschulabschluss in den Ring: Ali Al-Shamartis doppelter Kampf

Von Redaktion, Foto: HHN

Der Logistik-Student der HHN boxt sich durch Hörsaal und Boxring – seine Freunde nennen es die „Ali-Phase“, wenn er vor Wettkämpfen verschwindet

Ali Al-Shamarti war elf Jahre alt, als sein Vater starb. Ein Jahr später stand er zum ersten Mal in einem Boxring. „Ich habe damals etwas gesucht, mit dem ich mich etwas ablenken kann“, erzählt der heute 22-Jährige im Interview mit HHN-PR-Redakteurin Gila Hoch. Ein Freund nahm ihn mit zum Training. „Danach hat sich alles schnell entwickelt, ich wollte gar nicht mehr aufhören und war gleich komplett drin.“

Heute studiert Al-Shamarti Business Engineering Logistics an der Hochschule Heilbronn. Zweimal wurde er Baden-Württembergischer Meister, einmal Deutscher Hochschulmeister. Sein Ziel: Profiboxer werden, dann Weltmeister. „Beim Profiboxen kann man viel Geld verdienen und es wäre mein Wunsch, das irgendwann zu schaffen“, sagt er im Interview. Er wolle seine Mutter unterstützen.

Die tägliche Doppelbelastung

Von Montag bis Donnerstag Boxtraining beim SV Heilbronn am Leinbach, freitags und samstags Krafttraining, je nach Wettkampf zwei bis drei Einheiten täglich. „Zum Beispiel morgens Joggen, mittags Krafttraining und abends Boxen. Sonntag ist Chill-Day“, beschreibt Al-Shamarti seinen Trainingsalltag. „In der Klausurenphase war das sehr anstrengend für mich.“

Das Spitzensport-Stipendium der HHN hilft ihm dabei. „Ich hatte zum Beispiel das ganze Semester eine Tutorin für zwei Mathematikvorlesungen“, erzählt er. „Mit ihr konnte ich während des Semesters viel vorarbeiten, das hat mir sehr geholfen.“ Die finanzielle Unterstützung ermögliche es ihm, nicht nebenher arbeiten zu müssen.

Seine Freunde haben einen Begriff für die Zeit vor Wettkämpfen geprägt: die „Ali-Phase“. „Wenn ich dann gar nicht mehr rausgehe und nicht ansprechbar bin“, erklärt Al-Shamarti lachend. „Aber danach habe ich auch wieder mehr Zeit für Freunde.“

Der Bildungsaufstieg

„Ich habe eigentlich von ganz unten angefangen, mit einem Hauptschulabschluss“, erzählt Al-Shamarti. „Damals hab ich mich nie so richtig reingekniet, wusste aber eigentlich dass ich es kann, wenn ich mich mal hinsetzte und lerne.“ Er wollte sich beweisen, dass er ein Studium schafft. „Ich bin auch der Einzige in meinem Freundeskreis der studiert.“

Die Wahl fiel auf Business Engineering Logistics. „Ich finde BEL perfekt, weil man dann ein absoluter Allrounder ist. Man hat Wirtschaft, Informatik, Technische Mechanik und Logistik. Also gefühlt alles“, erklärt er seine Entscheidung. Das Studium gebe es in dieser Form sonst nicht. In Heilbronn zu bleiben habe vieles vereinfacht – „wie die Wohnsituation und das Training bei meinem Verein in Neckargartach“.

Respekt vor dem Ring

„Beim Boxen kann einfach alles passieren, egal wie gut man vorbereitet ist. Einmal nicht aufgepasst und ein Schlag haut einen um“, sagt Al-Shamarti über die Angst vor Kämpfen. Mit der Zeit habe er gelernt, damit umzugehen. Seine mentale Strategie: „In der Woche vor einem Kampf, gehe ich immer wieder innerlich verschiedene Szenarien durch und stelle mir vor, wie es sich anfühlt, wenn ich gewinne.“

Was ihn am Boxen fasziniert? „Besonders die Herausforderung und der Adrenalinrausch kurz bevor man in den Ring steigt. Das Gefühl ist wirklich schwer zu beschreiben.“

Die Mutter macht sich Sorgen. „Bei jedem blauen Auge und jeder Verletzung sagt sie, ich soll aufhören“, erzählt Al-Shamarti. Die Freunde hingegen fragen eher, ob er „kassiert hätte“.

Die Community der Kämpfer

Besonders bemerkenswert findet Al-Shamarti den Zusammenhalt unter Boxern: „Alle Kämpfer gehen bis kurz vorher richtig freundschaftlich miteinander um. Und kurze Zeit später im Ring schlägt man sich dann gegenseitig ‚die Köpfe ein‘.“ Es gebe trotz Konkurrenz eine gute Community. „Respekt ist beim Boxen sehr wichtig.“

Aufgeben kommt für ihn nicht in Frage. Es gebe zwar Phasen, in denen er sich frage, warum er das alles mache – „wenn ich viel trainiert, alle Freizeit geopfert habe und auch weiß, dass ich eigentlich ein guter Boxer bin und dann trotzdem verliere“. Dann denke er manchmal, er könnte sich auch rein aufs Studium konzentrieren „und mir die Schläge sparen“. Aber: „Aufhören kommt nicht in Frage, dafür habe ich schon zu viel reingesteckt.“

In seiner Wohnung sammelt Al-Shamarti Boxhandschuhe. „Ich habe mittlerweile ganz viele kaputte. Meine Mutter will die immer wegwerfen, aber ich weigere mich, da hängen so viele Erinnerungen dran“, sagt er lachend. Und wenn sie gefüllte Weinblätter mit Reis und Fleisch kocht – eine irakische Spezialität – dann sei er glücklich. Vor Kämpfen gibt es Bananen und Riegel mit Nüssen und Datteln. „Für die schnelle Energie.“

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