Verteidigung und Sozialstaat: Was die Deutschen bereit sind zu opfern

Von Redaktion, Foto: TUM Campus Heilbronn

Eine Studie der TU München und der Universität Leipzig zeigt, wie sich die sicherheitspolitischen Einstellungen der Bevölkerung verschoben haben – und welche Rolle Heilbronner Forschung dabei spielt.

Drei Prozent vom Bruttoinlandsprodukt für Verteidigung, eine personell aufgestockte Bundeswehr, eine europäische Armee – und dafür weniger Geld für Soziales. Was noch vor wenigen Jahren politisch undenkbar gewesen wäre, findet inzwischen klare Mehrheiten in der deutschen Bevölkerung. Das zeigt eine repräsentative Umfrage, die ein Forschungsteam der Technischen Universität München (TUM) und der Universität Leipzig durchgeführt hat. Einer der beiden Studienleiter forscht am TUM Campus Heilbronn.

Die Zahlen sind deutlich: 70 Prozent der Befragten ist die Wehrhaftigkeit des Landes wichtig. Fast zwei Drittel befürchten einen militärischen Konflikt zwischen Russland und einem NATO-Mitgliedstaat. Und knapp die Hälfte sorgt sich sogar vor einem solchen Konflikt auf deutschem Boden. Da verwundert es kaum, dass die Befragten auch bei konkreten Maßnahmen klare Präferenzen haben. 60 Prozent sprechen sich für eine personelle Aufstockung der Bundeswehr aus, 58 Prozent fordern ein stärkeres staatliches Eingreifen gegen hybride Angriffe Russlands, und 55 Prozent befürworten eine gemeinsame europäische Armee.

Auch die Wehrpflicht – ein Thema, das in Deutschland lange als erledigt galt – erlebt in der Umfrage ein bemerkenswertes Comeback: 49 Prozent sind für ihre Wiedereinführung, nur 27 Prozent dagegen. Ähnlich sieht es bei einem verpflichtenden Gesellschaftsdienst im Bevölkerungsschutz aus, den 48 Prozent befürworten. Keine Mehrheit gibt es dagegen für eine Erhöhung der Militärhilfe an die Ukraine – hier überwiegt die Ablehnung mit 41 zu 27 Prozent.

Sparen ja – aber wo?

Besonders aufschlussreich ist die Frage, wie das alles bezahlt werden soll. Eine große Mehrheit von 70 Prozent spricht sich für mindestens drei Prozent des BIP als Verteidigungsausgaben aus. Die Schuldenbremse dafür lockern? Da gibt es keine absolute Mehrheit. Die Befragten setzen stattdessen auf Umverteilung im Haushalt: 77 Prozent wollen mehr Geld für Verteidigung, 85 Prozent mehr für Innere Sicherheit, 83 Prozent mehr für Bildung. Und 83 Prozent halten die Ausgaben für Soziale Sicherung – aktuell der größte Einzelposten im Bundeshaushalt – für zu hoch. Das Forschungsteam hatte den Teilnehmenden die tatsächliche Verteilung der öffentlichen Ausgaben vorgelegt, bevor diese ihre Einschätzung abgaben.

Laut Co-Studienleiter Prof. Sebastian Blesse von der Universität Leipzig spiegeln die Ergebnisse „einen klaren Reformwillen zur Erhöhung der Verteidigungsfähigkeit Deutschlands wider“ und ließen „Rückschlüsse auf mehrheitsfähige Verteidigungspolitiken in der Bevölkerung zu“, wie es in der Studie heißt. Sein Kollege Prof. Philipp Lergetporer, der am TUM Campus Heilbronn forscht, ordnet die Ergebnisse zeitlich ein: „Mehr Geld für Militär wäre noch vor wenigen Jahren nicht mehrheitsfähig gewesen. Wir sehen also einen deutlichen Wandel in den sicherheitspolitischen Einstellungen der Deutschen“, so Lergetporer laut der Pressemitteilung der TUM.

Heilbronner Forschung mit bundespolitischer Relevanz

Dass diese Studie mit bundesweiter Strahlkraft auch vom Bildungscampus Heilbronn aus mitgesteuert wird, unterstreicht einmal mehr die Rolle, die der TUM Campus in der politiknahen Forschung mittlerweile spielt. Lergetporer und Blesse sind zudem am ifo Institut affiliierte Forscher, in dessen Schnelldienst die Umfrage veröffentlicht wurde. Die Studie ist Teil des DFG-geförderten Forschungsprojekts „Politikgestaltung im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Evidenz und öffentlicher Meinung“. Für die repräsentative Erhebung wurden zwischen Juli und September 2025 rund 1.100 Personen im Alter von 18 bis 74 Jahren online durch das Institut Bilendi befragt.

Die Ergebnisse dürften in Berlin aufmerksam gelesen werden – geschrieben wurden sie auch in Heilbronn.

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