Von Redaktion, Foto: Michel Büchel / ETH Zürich
Während am Neckarufer die Architekturpläne für die neuen ETH-Gebäude reifen, nimmt auch die strategische Ausrichtung des Heilbronner Campus Kontur an. Im Gespräch mit dem hausinternen Newsletter der ETH Zürich erklärt Boris Zürcher, warum die Schweizer Eliteuniversität in Baden-Württemberg investiert, welche Visionen sie verfolgt und warum das Projekt über mehrere Generationen angelegt ist.
Die Sonne fällt durch die Fenster, während Boris Zürcher mit ruhiger Stimme und bedachten Gesten von seiner Aufgabe erzählt. Seit Anfang 2025 trägt er als Delegierter der Schulleitung die Verantwortung für eines der ambitioniertesten Projekte in der jüngeren Geschichte der ETH Zürich: den Aufbau eines neuen Campus in Heilbronn.
„Gemeinsam mit einem Team motivierter Kolleginnen und Kollegen einen neuen Campus von Grund auf zu denken und aufzubauen: Das ist keine Aufgabe, die einem jeden Tag angeboten wird“, erklärt der 61-Jährige im Interview mit dem internen Newsletter „Heilbronn aktuell“. Der ehemalige Direktor für Arbeit im Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) und frühere Chefökonom bei Avenir Suisse bringt jahrzehntelange Erfahrung aus wirtschaftspolitischen Positionen mit – Erfahrung, die beim Aufbau eines internationalen Bildungsstandorts gefragt ist.
Zürcher beschreibt das Heilbronner Projekt als strategische Investition in die Zukunft. In Zeiten wachsender Studierendenzahlen in der Informatik und knapper werdender Kapazitäten in Zürich, ermöglicht die großzügige Unterstützung der Dieter Schwarz Stiftung (DSS) einen gezielten Ausbau im zukunftsträchtigen KI-Bereich. „Dank der ausserordentlich grosszügigen Donation der DSS kann sich die ETH in Zeiten öffentlichen Spardruckes in diesem zukunftsträchtigen Gebiet gezielt weiterentwickeln und entfalten“, erläutert Zürcher.

Die Dimensionen sind beachtlich: Fünfzehn Professuren sollen über die nächsten Jahre in Heilbronn entstehen, ergänzt durch sechs Förderprofessuren in Zürich. Dazu kommen Mittel für Infrastruktur und Projektbeiträge am Hauptstandort. Doch wer nun lediglich eine Außenstelle des Informatikdepartements erwartet, unterschätzt die Ambitionen. „Das würde unseren Ambitionen nicht gerecht“, betont Zürcher. „Wir dürfen an einem aussergewöhnlichen, zukunftsweisenden Vorhaben im Bereich KI partizipieren.“
Was den Standort Heilbronn besonders macht, ist das entstehende Ökosystem. Auf dem Bildungscampus sind bereits die Fraunhofer Gesellschaft, das Steinbeis-Institut und die TU München präsent. Ab 2026 plant die Max-Planck-Gesellschaft die Ansiedlung zweier Forschungsabteilungen. Und erst kürzlich wurde bekannt, dass auch imec, ein führendes Institut in der Mikrochip-Forschung, einen Standort in Heilbronn plant.
„Insgesamt entsteht dort ein Ökosystem, das neue Ansätze und Kooperationen in Forschung, Lehre und Wissenstransfer ermöglicht“, sagt Zürcher. Die ETH will als eine der ersten Universitäten vor Ort „insbesondere auch einen langfristigen Beitrag zur Gestaltung und Ausrichtung des Campus leisten und so mithelfen, die ETH als führende Hochschule in Europa weiter zu etablieren.“ Besonders bemerkenswert: „Unser Engagement in Heilbronn ist auf gut drei Jahrzehnte ausgelegt.“
Neben der akademischen Dimension bietet der Standort auch hervorragende Möglichkeiten für Industriekooperationen. Baden-Württemberg, eine der wirtschaftsstärksten Regionen Europas, ist geprägt von mittelständischen Unternehmen, aber auch Großkonzernen wie Porsche, Daimler, Bosch und der Schwarz-Gruppe. „Das Umfeld ist spannend und eröffnet große Chancen für die Zusammenarbeit mit international erfolgreichen Firmen“, erklärt Zürcher. Der Wissenstransfer wird in Heilbronn neben Forschung und Lehre ebenfalls zum Kernauftrag der ETH gehören, unterstützt durch die Innovationsplattform für angewandte KI (IPAI).
Die nächsten Schritte sind bereits definiert: Im Herbst 2025 sollen die ersten Professuren ausgeschrieben werden. „Die Profile werden derzeit erarbeitet“, so Zürcher. „Klar ist, dass international Spitzenleute gesucht werden. Für Heilbronn gelten bei der Berufung die gleichen Kriterien wie für Zürich.“ Parallel dazu steht die Unterzeichnung des Rahmenvertrags mit der Dieter Schwarz Stiftung an, und die Verpflichtung einer wissenschaftlichen Direktion, die als „Spiritus rector die Entwicklung und Ausrichtung in wissenschaftlich-thematischer Hinsicht maßgeblich prägen“ wird.
Bereits im Sommer 2026 soll die offizielle Eröffnung des ETH Zürich Campus Heilbronn gefeiert werden – idealerweise mit den ersten berufenen Professorinnen und Professoren. Der erste Studiengang ist für 2027 geplant, mit Fokus auf einem Masterprogramm, ergänzt durch Weiterbildungsangebote. Als Testlauf wurde im Juni bereits eine internationale Summer School durchgeführt, die laut Zürcher „ein großer Erfolg war“.
Gefragt nach den drei Worten, die den entstehenden ETH-Campus am besten charakterisieren, nennt Zürcher ohne zu zögern: „Internationalität, Innovation und Exzellenz.“ Die internationale Vernetzung sei eine herausragende Eigenschaft der ETH, die man nach Heilbronn tragen wolle – nicht nur mit Deutschland, sondern mit Europa insgesamt. „Mit dem neuen Campus erhält die ETH Zürich ja auch einen Standort in der Europäischen Union, was politisch ein Vorteil sein kann“, erklärt er. Innovation werde durch das Umfeld auf dem Bildungscampus sowie die großangelegte digitale Infrastruktur begünstigt. Und was die Exzellenz betrifft, so fügt Zürcher fast beiläufig hinzu: Die ETH strebe diese „bekanntlich in allem an, was sie unternimmt.“