Von Redaktion, Fotos: TUM Campus Heilbronn
Herr Dietrich ist gerade Großvater geworden. Aber es geht ihm nicht gut. Die Pollen machen ihm zu schaffen, er hustet, bekommt schlecht Luft, und mit dem Rauchen aufhören fällt ihm schwer. Nur: Herr Dietrich ist keine Person. Er ist ein Avatar. Und der Medizinstudent, der ihm gegenübersitzt, ist in Wirklichkeit ein promovierter Informatiker am TUM Campus Heilbronn.
Johannes Zink ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Efficient Algorithms von Stephen Kobourov und entwickelt ein Tool, das Medizinstudierenden ermöglicht, Patientengespräche mit einer KI zu üben. Der Name: KIPS, KI-basierte Patientensimulation. Die Idee entstand bei einem Healthcare-Hackathon an der Universität Würzburg. Dort bildete Zink ein Team mit einem Freund, der inzwischen als Arzt am Inselspital Bern arbeitet, und dessen Kollegen. Gemeinsam setzten sie die Aufgabe des Instituts für Medizinische Lehre und Ausbildungsforschung am Universitätsklinikum Würzburg um.

„Schauspielpatienten sind nicht immer verfügbar“, erklärt Zink laut TUM-Pressemitteilung. „Sie können und wollen ein Gespräch nicht beliebig oft wiederholen. Diese Nachteile hat man bei einem KI-Tool nicht: Das wird nicht müde, wenn es die gleichen Inhalte immer und immer wiederholt.“ Einen weiteren Vorteil sieht er darin, schüchternen oder sozial ängstlichen Studierenden eine sichere Umgebung zu bieten, in der sie sich erstmal ausprobieren können.
Zwei Sprachmodelle, ein Gespräch
Die technische Grundlage ist bewusst einfach gehalten: KIPS besteht aus zwei Standard-Sprachmodellen von OpenAI. Das eine unterstützt Spracheingabe und Sprachausgabe, das andere bewertet das transkribierte Gespräch im Anschluss. Das fertige Tool soll als Webanwendung verfügbar sein.
Was KIPS von anderen Plattformen unterscheidet, ist laut Zink der sogenannte longitudinale Ansatz. Das Tool zeichnet nicht nur einzelne Gespräche auf, sondern ganze Sequenzen. Eine Entscheidung in einem Gespräch kann den Verlauf des nächsten beeinflussen. Dazu kommt die Einbindung von Ärztinnen und Ärzten sowie Fachleuten für medizinische Lehre vom Universitätsklinikum Würzburg und vom Inselspital Bern. „Dank ihnen bieten wir eine hohe Expertise“, sagt Zink in der TUM-Pressemitteilung. Das Tool sei auf die medizinische Lehre im deutschsprachigen Raum zugeschnitten.
Vom Hackathon zum geförderten Forschungsprojekt
Nach dem Hackathon wollte das Team den Prototypen weiter ausbauen und bewarb sich um Förderungen. Mit Erfolg: Bis Jahresende wird KIPS vom TUM Incentive Fund des TUM Campus Heilbronn und von der Würzburger Vogel-Stiftung mit jeweils einem fünfstelligen Betrag gefördert.
Ob KIPS die medizinische Ausbildung langfristig verändern wird, lässt Zink offen. „Das ist schwer zu sagen“, sagt er laut TUM-Pressemitteilung. Aber er sei zuversichtlich, dass es auch an anderen Stellen sinnvoll eingesetzt werden könne. Denkbar sei eine Anpassung für alle Berufsgruppen im Gesundheitswesen, in denen Gespräche oder Abläufe geübt werden sollen.
Für den TUM Campus Heilbronn ist das Projekt ein Beispiel dafür, wie angewandte Informatik und medizinische Praxis zusammenfinden. Dass die Idee bei einem Hackathon geboren wurde und nicht in einem Strategiepapier, macht die Geschichte nicht schlechter. Manchmal braucht es eben nur ein Wochenende, einen Informatiker aus Heilbronn und einen Arzt aus Bern, um ein Problem zu lösen, das die Medizin seit Jahren beschäftigt.