Von Redaktion, Foto: Fraunhofer IAO
Nach 20 Jahren beim Fraunhofer IAO übergibt Bernd Bienzeisler die Leitung des Heilbronner Forschungszentrums an Jens Neuhüttler – ein Gespräch über Aufbauarbeit, Corona-Herausforderungen und konspirative Biertreffen
Wenn Bernd Bienzeisler über den Aufbau des Forschungs- und Innovationszentrums Kognitive Dienstleistungssysteme (KODIS) spricht, klingt Stolz mit. „Angefangen mit drei oder vier Leuten“, erinnert er sich im Gespräch mit dem Fraunhofer IAO. „Und dann zu sehen, wie das Ganze zu einem funktionierenden organisatorischen Gefüge wächst, mit eigenständigen Kernkompetenzen und technischer Infrastruktur im Rücken, das war schon etwas Besonderes.“
Nach über 20 Jahren verlässt Bienzeisler das Fraunhofer IAO. Die Leitung des Heilbronner Zentrums übernimmt ab 1. Oktober Jens Neuhüttler – kein Unbekannter, denn die beiden führten KODIS bereits eineinhalb Jahre gemeinsam als Doppelspitze.
Was Bienzeisler 2019 nach Heilbronn lockte, war die Chance, „auf der grünen Wiese etwas Eigenständiges aufzubauen“. Die inhaltliche Ausrichtung auf Servicethemen passte: „Dass sich damals schon abgezeichnet hat, dass Daten und Künstliche Intelligenz für Servicethemen immer wichtiger werden“, habe ihn zusätzlich gereizt.
Mehr als nur Technik
Beide Forscher teilen ein ähnliches Verständnis von kognitiven Dienstleistungssystemen, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Für Bienzeisler bedeutet Dienstleistung, „dass man Wertschöpfung aus einer Kundenperspektive betrachtet“. Durch Digitalisierung entstünden „digital vernetzte Prozesse, in denen der Mensch trotz aller Technologien weiterhin eine zentrale Rolle spielt“.
Neuhüttler ergänzt: Kognitive Technologien sammelten Daten, generierten daraus Wissen und leiteten Handlungsempfehlungen ab. „Im Kern geht es bei kognitiven Dienstleistungssystemen also darum, auf Basis von Daten individuelle und kontextangepasste Lösungen für Probleme bereitzustellen.“
Thematisch prägte Bienzeislers Arbeit die Entwicklung von IoT über Predictive Maintenance bis zur generativen KI, die „mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und Dynamik neue Impulse setzt“. Mit dem Projekt „Smart Campus Initiative“ übertrugen sie diese Themen auf den Bildungscampus Heilbronn – „nie nur um die rein technische Komponente, sondern immer auch um die ganzheitliche Betrachtung“.
Corona und andere Herausforderungen
Der Aufbau eines neuen Standorts während der Pandemie war „eine riesige Herausforderung“, erinnert sich Bienzeisler. „Insbesondere dann, wenn man gleichzeitig einen neuen Standort an einem anderen Ort aufbauen soll und will.“ Dazu kam die Aufgabe, „die richtigen Leute zu finden und nach Heilbronn zu bekommen“ – was letztendlich gut funktioniert habe: „Mittlerweile haben wir ein tolles Team zusammengestellt, das stetig wächst und gedeiht.“
Als persönliches Highlight seiner Heilbronner Zeit nennt Bienzeisler die Mitwirkung bei der IPAI-Beantragung. Der Innovationspark für Künstliche Intelligenz, für den am 21. Oktober der Spatenstich ansteht, ist eines der Prestigeprojekte der Region.
Konspirative Gespräche und klare Botschaften
Die Zusammenarbeit zwischen Bienzeisler und Neuhüttler war von gegenseitigem Respekt geprägt. „Jens und ich führen gelegentlich konspirative Gespräche bei einem Bier, das sind definitiv Momente, die in Erinnerung bleiben“, schmunzelt Bienzeisler. Neuhüttler hebt hervor: „Bernd hat es immer geschafft, Freiraum mit Verantwortung zu verbinden, Eigenständigkeit zu fördern und dabei offen für die Argumente anderer zu sein.“
Für die Zukunft hat Neuhüttler klare Vorstellungen: Die lokalen Partner sollen noch stärker einbezogen werden. „Heilbronn bietet dafür gute Voraussetzungen, da hier zahlreiche unterschiedliche Partner an einem Ort sind und Wissenschaft und Wirtschaft zunehmend enger zusammenwachsen.“ Lösungen, die in Zusammenarbeit mit der Stadt als Reallabor entwickelt werden, könnten später von anderen Städten übernommen werden.
Bienzeislers Botschaft an sein Team: „Bleibt neugierig, tauscht euch aus, vernetzt euch, nehmt den Standort Heilbronn und das Ökosystem als Chance wahr.“ Und, fast entschuldigend fügt er hinzu: „Feiert gemeinsam Erfolge! Das ist manchmal zu kurz gekommen.“
Bienzeisler bleibt dem Heilbronner Ökosystem erhalten, er ist zur Dieter Schwarz Stiftung gewechselt. Neuhüttler freut sich darauf: Er könne „die Themen, für die er in den letzten sechs Jahren gebrannt hat, auch weiterhin begleiten und seine Expertise einbringen.“
Der Stabwechsel bei KODIS markiert einen Generationenwechsel, aber keinen Bruch. Die Kontinuität ist gewährleistet – nicht nur durch die eineinhalbjährige gemeinsame Führung, sondern auch durch geteilte Werte und Visionen. Aus den anfänglichen drei oder vier Leuten ist ein Forschungszentrum geworden, das in Heilbronns KI-Ökosystem eine zentrale Rolle spielt.