Social Media und Kinder: Warum ein Hirnforscher klare Grenzen fordert

Von Redaktion, Fotos: aim

Ein Zehnjähriger auf TikTok verbringt dort fast zwangsläufig sehr viel Zeit. Die Plattform ist genau dafür gebaut. Christian Montag, Kognitions- und Neurowissenschaftler, erklärt im aim-Interview, warum wir von Kindern eine Selbstkontrolle erwarten, die ihr Gehirn noch gar nicht leisten kann. Und warum das Problem nicht bei den Eltern liegt.

Die Debatte über Social-Media-Verbote für Minderjährige ist nicht neu. Aber Christian Montag, Professor an der Universität Macau und Mitautor eines Leopoldina-Diskussionspapiers zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, wundert sich im Interview mit der aim, dass sie überhaupt noch geführt wird. Denn die Plattformen selbst sehen bereits vor, dass ihre Angebote erst ab 13 Jahren genutzt werden dürfen. Nur überprüft das niemand.

Plattformen, die auf maximale Onlinezeit optimiert sind

Im Interview beschreibt Montag, wie soziale Medien funktionieren. Es handle sich um eine Industrie, die gezielt psychologische Prozesse anspreche: sozialen Druck, die Angst, etwas zu verpassen, das Bedürfnis nach Rückmeldung. Designelemente wie der Like-Button, Push-Benachrichtigungen oder Lesebestätigungen würden kontinuierlich getestet und optimiert, um die Onlinezeiten der Nutzer zu maximieren.

Für Kinder sei das besonders problematisch, so Montag im aim-Interview. Sie müssten spielen, sich bewegen, soziale Regeln im direkten Kontakt lernen. „Spiel ist kein einfacher Zeitvertreib, sondern zentral für die gesunde psychische Entwicklung“, sagt er. Wenn Interaktion zunehmend online stattfinde, fehle genau dieser Erfahrungsraum.

Christian Montag arbeitet als Professor für Kognitions- und Neurowissenschaften an der Universität Macau in der Sonderverwaltungszone Macau in China. Aktuell forscht Montag zu Auswirkungen von KI auf die Gesellschaft.

Selbstregulation reift erst Mitte zwanzig

Einen besonders kritischen Punkt macht Montag an der Hirnentwicklung fest. Die Fähigkeit zur Selbstregulation entwickle sich erst vollständig, wenn der präfrontale Cortex ausgereift sei, also Anfang bis Mitte zwanzig. „Wir verlangen von Kindern und Jugendlichen Fähigkeiten, die biologisch noch gar nicht vollständig vorhanden sind“, sagt er im Interview.

Gleichzeitig verschieben die Plattformen laut Montag die Verantwortung auf die Nutzer. Screen-Time-Funktionen suggerierten: Hier ist ein Timer, jetzt liegt es an dir. „Implizit heißt das: Du bist schuld, wenn du zu viel Zeit dort verbringst“, so Montag. Dabei seien die Plattformen genau dafür gebaut worden, die Onlinezeiten zu maximieren.

Weniger Social Media, weniger Körperunzufriedenheit

Montag verweist im Interview auf eigene Forschungsergebnisse. In einer Studie hätten Teilnehmende zwei Wochen lang alle Social-Media-Apps vom Smartphone entfernt. Schon danach sei die Körperunzufriedenheit bei den Teilnehmerinnen statistisch bedeutsam gesunken. Der Effekt sei nach vier Wochen sogar noch stärker geworden. In einer weiteren experimentellen Studie habe der Entzug von mobilem Internet die objektiv gemessene Aufmerksamkeit verbessert. Auch das Wohlbefinden sei gestiegen.

Zu Smartphone-Verboten an Schulen gebe es ebenfalls ermutigende Daten. Die Leistungen verbesserten sich, vor allem bei leistungsschwächeren Schülern. In den Pausen bewegten sich Kinder wieder mehr. Cybermobbing nehme ab.

Konferenz auf dem Bildungscampus Heilbronn

Passend zum Thema findet am 23. und 24. März die Konferenz „Selbstregulation stärken – Bildung neu ausrichten“ auf dem Bildungscampus Heilbronn statt. Veranstaltet wird sie von der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der aim, der Akademie für Innovative Bildung und Management, die als Mitglied der Wissensstadt Heilbronn auf dem Bildungscampus ansässig ist. Workshops und Lightning Talks sollen praxisnahe Impulse für Unterricht und Schulentwicklung liefern.

Montag selbst warnt im Interview auch vor einer neuen Entwicklung: der Verschmelzung von Social Media mit KI-Chatbots. Menschen neigten dazu, Maschinen zu vermenschlichen. Problematisch werde es, wenn KI-Systeme dauerhaft bestätigend reagierten und verzerrte Sichtweisen nicht korrigierten. „Hier entsteht gerade ein neues Verantwortungsfeld für Plattformbetreiber“, sagt er.

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