Von Redaktion, Fotos: IPAI & Mercedes-Benz
Nach Audi und Porsche schließt sich nun auch der Stuttgarter Konzern dem Heilbronner Innovationspark für Künstliche Intelligenz an. Die Nachricht sendet ein Signal – für die Plattform, für den Standort und für die europäische KI-Strategie.
Im Zukunftspark Wohlgelegen in Heilbronn liegen die gläsernen Büros von Audi und Porsche nur wenige Schritte auseinander. Im VW-Konzern sind sie Schwestern, im Wettbewerb Konkurrenten, im IPAI fast Nachbarn. Nun bekommt dieses Bild eine neue Dimension: Mit Mercedes-Benz ist auch der dritte große Autobauer aus Baden-Württemberg Mitglied des Innovation Park Artificial Intelligence. Mehr als 100 Firmen, Institutionen und Gruppen gehören dem Netzwerk mittlerweile an, berichtet die Heilbronner Stimme.
KI als strategischer Hebel
Was Mercedes-Benz im IPAI sucht, erklärt Katrin Lehmann, Chief Information Officer der Mercedes-Benz Group AG, in der gemeinsamen Pressemitteilung: „Künstliche Intelligenz durchdringt alle Bereiche und verändert grundlegend, wie wir bei Mercedes-Benz denken, entwickeln und wirtschaften. Wir wollen KI nicht punktuell, sondern als strategischen Hebel für nachhaltige Wertschöpfung nutzen. Mit Partnern wie IPAI holen wir uns Impulse von außen und bringen uns aktiv in ein leistungsfähiges Netzwerk für einen starken Technologiestandort Europa ein.“

Daniel Eitler, Chief Data und AI Officer, fasst die Ambitionen zusammen: „Bei Mercedes-Benz wollen wir das maximale Potenzial von KI als Transformationsturbo ausschöpfen. Wir schaffen umfassenden Zugang zu KI-Technologien für unsere Mitarbeitenden und setzen auf skalierbare Anwendungsfälle, die unsere Produktivität steigern und das Kundenerlebnis weiter verbessern.“
Vom Lackierroboter bis zum Chatbot
Mercedes-Benz setzt KI bereits entlang der gesamten Wertschöpfungskette ein. KI-basierte Copiloten unterstützen laut Pressemitteilung bei Beschaffungsprozessen im Einkauf, bei der Erstellung von Testfällen in der Entwicklung oder bei der Schadenserkennung in Werkstätten. Für das Produktionsnetzwerk werden maßgeschneiderte KI-Lösungen entwickelt, die von den Mitarbeitenden intuitiv genutzt werden können. Im Werk Rastatt sorgt KI-gesteuerte Prozesstechnologie in den Decklackierkabinen laut Computerwoche für schnellere und präzisere Entscheidungen – der Energieverbrauch konnte so um 20 Prozent gesenkt werden.
Eine interne KI-Web-Applikation unterstützt alle Mitarbeitenden im Büroalltag und dient als zentrale Plattform für abteilungsübergreifende Informationen und Chatbots. Ein KI-Kompetenzzentrum agiert als konzernweite Steuerzentrale. Wichtiger Baustein ist der „Agent Garden“, eine Multi-Cloud-Plattform, die den Zugriff auf KI-Agenten vereinfacht. Die Implementierungszeit für neue KI-Modelle wurde auf fünf Wochen bei fünf Tagen Testing verkürzt.
Das Unternehmen hat die tägliche KI-Nutzungsrate in der Belegschaft laut eigenen Angaben bereits verdoppelt. Ziel ist es, die Quote bis Ende 2025 an die 50-Prozent-Marke heranzuführen.
Europäische Ressourcen bündeln
IPAI-CEO Moritz Gräter ordnet den Beitritt ein: „Wir freuen uns über den Beitritt von Mercedes-Benz. Er unterstreicht die Relevanz von IPAI als Motor für angewandte KI in Europa. Um im globalen Wettbewerb zu bestehen, müssen wir europäische Ressourcen bündeln. Mercedes-Benz bringt wertvolle Anwendungsexpertise ein. Gemeinsam schaffen wir die notwendige Infrastruktur und Standards für eine vertrauenswürdige, wettbewerbsfähige KI ‚Made in Europe‘.“
Konkrete Ergebnisse der Zusammenarbeit könnten beispielsweise im Qualitätsmanagement der AMG-Motorenproduktion oder im Mercedes-Benz Digital Factory Campus in Berlin angewandt werden, wo smarte Technologien für den Einsatz im globalen Produktionsnetzwerk entwickelt werden. Die Mitgliedschaft biete zudem die Möglichkeit, Zukunftsszenarien wie das Verhalten von Fahrzeugen in einer vernetzten Smart City zu erforschen.
Signal für den Standort
Der Beitritt ist auch für die europäische Tech-Landschaft ein wichtiges Signal. Als mittlerweile dritter großer deutscher Automobilhersteller im Netzwerk stärkt der Konzern die europäische Position im globalen Wettbewerb um KI-Innovation. Die Plattform wächst branchenübergreifend – auch Unternehmen aus Bereichen wie Landwirtschaft, Logistik und Industrieautomation arbeiten dort bereits zusammen.
Mit dem Ausbau des IPAI-Standorts – inklusive Reallaboren, Rechenzentren und Arbeitsbereichen für Forschung und Start-ups – entsteht in Heilbronn ein Ökosystem, das künftig eine zentrale Rolle für die Entwicklung von „KI Made in Europe“ spielen könnte. Der IPAI-Campus in Neckargartach umfasst ein rund 23 Hektar großes Areal, dessen erste Gebäude ab 2026 bezugsfertig sein sollen.