Lernräume neu gedacht: Wie die richtige Schularchitektur den Bildungserfolg fördern kann

Von Redaktion, Foto: Ideogram/Robert Mucha

Rückzugsorte statt Reizüberflutung, bewegungsfreundliche Gestaltung statt starrer Sitzordnung: Zwei Expertinnen geben Einblicke, wie durchdachte Architektur in Schulen nicht nur das Wohlbefinden steigert, sondern auch das Lernen selbst verbessern kann.

Eine ausrangierte Liftgondel als stiller Rückzugsort, Sitztreppen mit eingebetteten Rechenaufgaben, Lernateliers statt Klassenzimmer – moderne Schularchitektur geht weit über funktionale Gebäude hinaus. Sie wird zum aktiven Bestandteil des pädagogischen Konzepts und kann entscheidend dazu beitragen, wie gut Kinder und Jugendliche lernen.

In einem aufschlussreichen Expertengespräch geben Ute Ködderitzsch, Beraterin für Pädagogische Architektur, und Vera-Lisa Schneider, Referatsleiterin im Ministerium für Schule und Bildung NRW, fundierte Einblicke in dieses Zukunftsfeld. Beide arbeiten im Rahmen des Projekts „Beratung Pädagogische Architektur“, das vom Ministerium und der Qualitäts- und UnterstützungsAgentur QUA-LIS NRW getragen wird.

„Zentral ist, dass die individuelle Schulsituation differenziert berücksichtigt wird“, erklärt Ködderitzsch den grundlegenden Ansatz. „Die Pädagogik der einzelnen Schule muss mit den räumlichen Gegebenheiten in und außerhalb der Schule zusammenpassen.“ Was in der einen Schule hervorragend funktioniert, kann an einer anderen wirkungslos bleiben – ein Standardrezept gibt es nicht.

Die Expertinnen betonen den maßgeblichen Einfluss der Raumgestaltung auf Verhalten und Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler. „Eine sorgfältig geplante Raumstruktur sowie der gezielte Einsatz von Farben, Materialien, Licht, Luftqualität und Raumtemperatur tragen wesentlich zur Schaffung einer positiven Lernatmosphäre bei und können Stress wirksam reduzieren“, erläutert Ködderitzsch.

Besonders in Zeiten des Ganztagsbetriebs gewinnen Rückzugs- und Ruhebereiche an Bedeutung. Die Möglichkeiten sind vielfältig: von speziellen Räumen wie Snoezelen (multisensorische Entspannungsräume) bis hin zu kreativen Lösungen wie abgetrennten Nischen oder umfunktionierten Elementen. „Eine Atmosphäre der Ruhe und Geborgenheit – unterstützt durch beruhigende Farbgestaltung, weiche Materialien und gedämpftes Licht“ sei dabei entscheidend, so Ködderitzsch.

Schulen wie die Alemannenschule in Wutöschingen zeigen, wie zukunftsweisende Konzepte aussehen können. Dort gibt es keine festen Klassenzimmer mehr, sondern Lernateliers für individuelles und selbstorganisiertes Lernen. Lehrkräfte verstehen sich als Lernbegleiter und unterstützen die Schülerinnen und Schüler individuell.

Auch Nachhaltigkeit spielt eine zunehmend wichtige Rolle. Ködderitzsch empfiehlt ein integriertes Nutzungskonzept: „Dabei sollte vermieden werden, vermeintliche Mehrbedarfe, wie etwa durch den Ganztagsbetrieb, durch zusätzliche, nur nachmittags genutzte Räume zu schaffen. Vielmehr ist die multifunktionale Nutzung der vorhandenen Räume anzustreben.“

Die gute Nachricht für Schulen mit begrenztem Budget: Auch kleinere Veränderungen können bereits positive Effekte erzielen. „Auch kleinere, einfache Veränderungen – wie etwa die Umgestaltung der Möbelanordnung – können von Lehrkräften initiiert werden und so eine passendere sowie flexiblere Lernsituation für die jeweilige Lerngruppe schaffen“, ermutigt Ködderitzsch.

Für Schulleitungen liegt der Schlüssel in partizipativen Prozessen, die alle Beteiligten einbeziehen. „Die gemeinsame Nutzung des Schulgebäudes durch Schule und Ganztag – im Gegensatz zur additiven Nutzung – schafft mehr Fläche und bessere Nutzungsmöglichkeiten für alle“, ergänzt Schneider.

Das Interview verdeutlicht: Pädagogische Architektur ist kein Luxus, sondern ein wesentlicher Baustein für erfolgreiche Bildungsprozesse. Sie schafft Räume, in denen Lernen nicht nur möglich, sondern inspirierend wird.

Melden Sie sich für unseren Newsletter an!