Von Redaktion, Fotos: aim
„Das liest sowieso keiner.“ Als ein Journalist der Zeit diesen Satz über eine wissenschaftliche Stellungnahme zur Selbstregulation fallen ließ, hätte die Sache damit erledigt sein können. Stattdessen wurde daraus eine Konferenz. Die erste der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Heilbronn. Am 23. und 24. März auf dem Bildungscampus.
Johannes Buchmann erzählt diese Geschichte im Interview mit der aim. Der Mathematiker, Informatiker und emeritierte Professor der TU Darmstadt beschäftigt sich seit rund 15 Jahren mit dem Thema Selbstregulation. Gemeinsam mit seiner Kollegin Hertha Flor hatte er in der Leopoldina eine Stellungnahme dazu erarbeitet. Die erschien vor knapp zwei Jahren und erzeugte Resonanz, wie Buchmann sagt. Aber eben vor allem in der Wissenschaft. In der Praxis kam wenig an.

Dann fiel der Satz von Martin Spiewak, Bildungsjournalist der Zeit. Und aim-Geschäftsführer Marco Haaf sowie der Bildungsforscher Ulrich Trautwein griffen auf: „Dann lasst es uns in die Wirklichkeit bringen.“ So entstand nach vier Jahren Organisation die Konferenz „Selbstregulation stärken – Bildung neu ausrichten“.
Warum Selbstregulation kein Nischenthema ist
Im Interview macht Buchmann deutlich, warum ihm das Thema so wichtig ist. Nach PISA heiße es immer, die Mathematikkenntnisse seien nicht gut genug, sagt er. Aber Aufmerksamkeits- und Emotionsregulation seien Voraussetzungen dafür. Das konkurriere nicht, das ergänze sich. Deutschland sei traditionell wissensvermittlungsorientiert. Andere Länder arbeiteten stärker mit sogenannten Transfer- oder Cross-Curricular Skills.
Das Bildungssystem sei „ein großes Schiff“, sagt Buchmann. Richtungsänderungen dauerten. Viele zögen daran. Aber er sehe es positiv: An vielen Orten gelinge es schon. Jetzt gehe es darum, die einzelnen Ansätze zu vernetzen.
Top-down und bottom-up gleichzeitig
Die Konferenz setzt laut Buchmann auf zwei Wege gleichzeitig. Von oben: Politik erreichen, Bildungspolitik entsprechend orientieren. Von unten: engagierte Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher sowie Menschen im Gesundheitssystem vernetzen. Beides zusammen bringe Fortschritt.
Im Zentrum der Konferenz steht die Förderung von Selbstregulation von der Kita bis zum Schulabschluss. Workshops und Lightning Talks sollen praxisnahe Impulse für Unterricht und Schulentwicklung liefern. Dass die Veranstaltung in Heilbronn stattfindet, ist für Buchmann kein Zufall. Es sei „ein glückliches Zusammentreffen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Leopoldina und der aim Heilbronn, die in der Lage ist, Dinge in Richtung Praxis zu bringen“, sagt er im Interview.
Die aim, die Akademie für Innovative Bildung und Management, ist Mitglied der Wissensstadt Heilbronn und seit Jahren auf dem Bildungscampus aktiv. Gefördert wird sie durch die Dieter Schwarz Stiftung.
Wann die Konferenz für ihn ein Erfolg sei? „Dass sie stattfindet, ist schon ein Erfolg“, sagt Buchmann. Er würde sich freuen, wenn aus den Workshops konkrete Impulse entstehen, die in den Bundesländern politisch umgesetzt werden. Und wenn die Vernetzung von unten zunimmt. Es brauche, sagt er, den Schritt in die Praxis.