Von Redaktion, Fotos: SWM / Frank Eppler
Dr. Benjamin Biesinger, Wissenschaftler am Forschungs- und Innovationszentrum KODIS des Fraunhofer IAO in Heilbronn, hat den Förderpreis des Verbands Südwestmetall erhalten. Ausgezeichnet wurde seine Dissertation »Cultural change in servitization«, die untersucht, wie Unternehmen den Wandel vom Produkthersteller zum integrierten Lösungsanbieter kulturell gestalten. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert und geht jährlich an Nachwuchswissenschaftler aus Baden-Württemberg.
Es gibt eine stille Bewegung im deutschen Maschinenbau, die nicht mit großen Schlagzeilen kommt, aber jedes Geschäftsmodell verändert. Maschinenhersteller werden zu Lösungsanbietern. Sie verkaufen nicht mehr nur die Anlage, sondern liefern dazu Software, Service und fortlaufende Optimierung. »Servitization« nennen Forscher diesen Wandel. Was wie eine reine Geschäftsmodellfrage aussieht, stellt in Wirklichkeit die ganze Organisation auf den Prüfstand: Welche Werte zählen, wenn nicht mehr das verkaufte Stück, sondern die laufende Beziehung zum Kunden im Mittelpunkt steht? Genau diesem Punkt hat Benjamin Biesinger seine Doktorarbeit gewidmet. Jetzt wurde sie mit dem Förderpreis des Verbands der Metall- und Elektroindustrie Baden-Württemberg, Südwestmetall, ausgezeichnet.

Was die Dissertation zeigt
Biesingers Arbeit, eingereicht und verteidigt an der Universität Hohenheim, untersucht, welche Werte, Überzeugungen und Verhaltensweisen Unternehmen brauchen, um den Wandel vom Produkt- zum Lösungsanbieter zu schaffen. Sein Kernbefund: Kulturwandel gelingt nicht durch ein Zielbild, das oben in der Geschäftsleitung formuliert wird, sondern durch gezieltes organisationales Lernen im Alltag. Methodisch verbindet die Dissertation Ansätze aus Organisationsforschung, organisationalem Lernen, Sensemaking-Theorie und Multi-Level-Theorie. Empirisch unterlegt ist sie mit einer Langzeit-Fallstudie über mehrere Jahrzehnte. Damit liegt nicht nur ein theoretisches Modell vor, sondern auch ein konkreter historischer Verlauf einer Organisation, die diesen Wandel durchlaufen hat.
Biesinger selbst formuliert die Quintessenz so: »Erfolgreicher Kulturwandel entsteht nicht über Konzepte auf dem Papier, sondern durch gezieltes, erfahrungsbasiertes Lernen im Organisationsalltag.« Seine Dissertation und seine tägliche Arbeit am Fraunhofer IAO seien durch dasselbe Ziel verbunden, betont er in der Mitteilung des Instituts: Unternehmen bei der Transformation in Richtung industrieller Lösungsanbieter zu unterstützen.
Heilbronn, Hohenheim, Cambridge
Biesinger ist Postdoctoral Researcher am Forschungs- und Innovationszentrum KODIS des Fraunhofer IAO in Heilbronn. Daneben ist er als Affiliate Researcher an der Cambridge Service Alliance der University of Cambridge, an der Universität Hohenheim sowie an der Hochschule Luzern verbunden. Diese Anbindungen zeigen ein Profil, das aus mehreren Welten gleichzeitig schöpft: angewandte Fraunhofer-Forschung in Heilbronn, universitäre Theoriebildung in Hohenheim und Luzern, internationale Service-Forschung in Cambridge.
Das KODIS in Heilbronn ist eines der Fraunhofer Heilbronn Forschungs- und Innovationszentren (HNFIZ) und beschäftigt sich speziell mit kognitiven Dienstleistungssystemen, also mit der Verbindung von Künstlicher Intelligenz, datenbasierten Services und Organisationsfragen. Dass eine Dissertation aus diesem Umfeld den Südwestmetall-Förderpreis erhält, ist auch ein Hinweis auf die Position, die diese junge Forschungseinrichtung am Bildungscampus bezogen hat. Sie kombiniert wirtschaftswissenschaftliche, organisationspsychologische und technische Perspektiven, eine Mischung, die in der deutschen Forschungslandschaft nicht an jedem Standort verfügbar ist.

Auszeichnung mit Tradition
Der Südwestmetall-Förderpreis wird seit über drei Jahrzehnten an Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler der Landesuniversitäten Baden-Württembergs vergeben, deren Arbeiten Beiträge zur industriellen Arbeitswelt und ihren sozialpolitischen Rahmenbedingungen leisten. Acht Forschende erhielten den Preis in diesem Jahr, darunter Biesinger. Übergeben wurde die Auszeichnung vom Vorsitzenden des Verbands, Peter S. Krause, im Beisein von Vertretern aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Eigenbewerbungen sind nicht möglich, vorgeschlagen wird durch die Professorinnen und Professoren der Landesuniversitäten.