Jazzy Heilbronn: Wenn Informatiker zu Swing-Königen werden

Von Robert Mucha, Foto: Bildungscampus

Es ist Mittwochabend in Heilbronn. Während die meisten Studenten über Büchern brüten oder sich in der Kneipe den Kopf freispülen, dringen aus dem Know-Cube auf dem Campus Sontheim ungewöhnliche Klänge. Saxophon-Riffs mischen sich mit Trompetenklängen, ein Bass wummert im Hintergrund. Hier, zwischen Hörsälen und Laboren, schwingt die Big Band der Hochschule Heilbronn.

Seit 2018 gibt es sie nun schon, diese ungewöhnliche Truppe aus Bits, Bytes und Blechbläsern. Ihr Anführer: Professor Wolfgang Heß, ein Mann, der tagsüber Studenten in die Geheimnisse der angewandten Informatik einweiht und abends den Taktstock schwingt. Ein digitaler Dr. Jekyll und Mr. Hyde sozusagen.

17 Musiker stark ist die Band derzeit. Eine bunte Mischung aus Studenten, Dozenten und Musikbegeisterten aus der Stadt. Denn hier gilt: Wer spielen kann, darf mitmachen. Egal ob Student oder Rentner, Hauptsache, die Töne stimmen.

Und die Töne, die stimmen offenbar. Die Big Band ist gefragt wie Freibier in der Mensa. Ob bei der Bundesgartenschau 2019, beim Bürgerempfang der Stadt oder bei Gala-Veranstaltungen – überall, wo es swingen soll, sind Heß und seine Truppe zur Stelle. Sogar Weingüter klopfen regelmäßig an. Offenbar passt Jazz besser zum Trollinger als man denkt.

Doch die Band hat ein Problem: Sie ist so flüchtig wie ein guter Solo. Kaum hat man sich eingespielt, ist das Semester vorbei und die Hälfte der Musiker verschwunden. In die Heimat, ins Ausland, in die weite Welt. Zurück bleibt Heß mit seinem treuen Co-Piloten Ulrich Straus, wissenschaftlicher Mitarbeiter und zweiter Bandleader.

Heß träumt von Beständigkeit, von einer Band, die bleibt. Deswegen wirbt er bei jeder Erstsemesterbegrüßung für sein Ensemble. Fragt nicht nur nach Programmierkenntnissen, sondern auch nach verborgenen musikalischen Talenten. Wer weiß, vielleicht versteckt sich hinter dem schüchternen Informatikstudenten ja der nächste Miles Davis?

Die klassische Big-Band-Besetzung ist Heß‘ Ideal: fünf Saxophone, vier Trompeten, vier Posaunen, dazu Klavier, Gitarre, Bass und Schlagzeug. Aber Not macht erfinderisch. Wenn mal wieder Musiker fehlen, wird improvisiert. Da darf auch schon mal eine Querflöte mitspielen. Hauptsache, es swingt.

Improvisieren müssen die Musiker allerdings nicht. Notenlesen ist Pflicht, Teamgeist auch. Schließlich ist eine Big Band kein Solo-Projekt, sondern ein fein abgestimmtes Orchester. Wie ein gut funktionierendes Computernetzwerk, nur mit mehr Groove.

Für die Studenten ist die Band mehr als nur ein Hobby. Sie können sich die Proben sogar fürs Studium anrechnen lassen. Bildung mit Rhythmus sozusagen. Und nebenbei entstehen Freundschaften, die weit über den Campus hinausreichen.

So verwandelt sich Heilbronn jeden Mittwochabend für zwei Stunden in eine kleine Jazz-Metropole. Zwischen Weinbergen und Industriegebieten erklingt der Sound von New Orleans. Und wer weiß, vielleicht wird aus dem einen oder anderen Informatikstudenten ja doch noch ein Swing-König. In Heilbronn scheint alles möglich. Sogar das.