Von Redaktion, Foto: Fraunhofer IAO
120 Forschende aus ganz Deutschland diskutierten Ende September am Fraunhofer IAO auf dem Heilbronner Bildungscampus über die Zukunft der Wertschöpfung. Jetzt liegen die Ergebnisse vor.
Die Frage klang abstrakt, als sie Ende September 2025 am Bildungscampus Heilbronn gestellt wurde. Was bedeutet eigentlich Souveränität in einer Welt, in der Künstliche Intelligenz zunehmend Dienstleistungen prägt? Mehr als 120 Teilnehmende hatten sich zur Jahreskonferenz des Forschungsverbunds (DF)² versammelt, um genau das herauszufinden. Am Ende stand ein Arbeitspapier, das eine Antwort formuliert: Dienstleistungssouveränität ist die Fähigkeit von Individuen, Organisationen und Ökosystemen, Dienstleistungen wertebasiert zu gestalten, zu erbringen und zu nutzen.
Das klingt zunächst sperrig. Aber das Konzept, das die Forscherinnen und Forscher entwickelt haben, ist konkret. Es geht darum, wie Menschen und Unternehmen in Zeiten von KI selbstbestimmt handeln können, ohne dabei die Kontrolle über ihre Daten, ihre Entscheidungen oder ihre Werte zu verlieren. Das Besondere: Souveränität bedeutet hier nicht Abschottung, sondern bewusste Kooperation. Die Autorin des Arbeitspapiers, eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus verschiedenen Institutionen, beschreibt das so: selbstbestimmte, aber gleichzeitig kooperative Zusammenarbeit.
In vier Workshops haben die Teilnehmenden am 30. September 2025 diskutiert, wo die Herausforderungen liegen und was getan werden muss. Herausgekommen sind fünf Handlungsfelder, die zeigen: Souveränität ist keine technische Frage allein. Sie beginnt bereits bei der Wahrnehmung. Das erste Handlungsfeld trägt den Titel Wahrnehmung und Wertversprechen. Die Botschaft: Souveränität sollte nicht nur als Risikoabwehr verstanden werden, sondern als Chance. Unternehmen und Institutionen müssen den Mehrwert souveräner Lösungen kommunizieren, damit sie auch genutzt werden.
Das zweite Handlungsfeld beschäftigt sich mit Transparenz, Kontrolle und souveränen Datenräumen. Hier geht es um eine zentrale Frage: Wie können KI-Systeme nachvollziehbar gemacht werden? Wer hat Zugriff auf welche Daten und wer kontrolliert, was mit ihnen geschieht? Die Diskussionen am Bildungscampus haben gezeigt, dass Vertrauen nur entstehen kann, wenn Nutzerinnen und Nutzer verstehen, wie Algorithmen Entscheidungen treffen.
Beim dritten Handlungsfeld geht es um Kompetenzen und Entscheidungsfähigkeit. Das Arbeitspapier spricht von Future Skills. Gemeint sind Fähigkeiten, die es Menschen ermöglichen, souverän mit KI-basierten Dienstleistungen umzugehen. Das reicht von technischem Verständnis bis zu ethischer Urteilskraft. Ohne diese Kompetenzen bleibt Souveränität ein theoretisches Konstrukt.
Das vierte Handlungsfeld widmet sich Ökosystemen, Governance und Kooperation. Hier wird deutlich, dass Souveränität nicht im Alleingang funktioniert. Es braucht faire Partnerkonstellationen und klare Regeln, damit Unternehmen, Forschungseinrichtungen und öffentliche Institutionen auf Augenhöhe zusammenarbeiten können. Das Beispiel Heilbronn, wo verschiedene Bildungs- und Forschungseinrichtungen eng vernetzt sind, zeigt, wie solche Ökosysteme entstehen können.
Das fünfte Handlungsfeld schließlich beschäftigt sich mit Rahmenbedingungen und Regulierung. Die Forscherinnen und Forscher betonen, dass es eine Balance braucht zwischen europäischen Werten und wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit. Zu strikte Regulierung kann Innovation hemmen, zu wenig Regulierung gefährdet grundlegende Rechte.
Das Arbeitspapier formuliert auch übergreifende Beobachtungen. Dienstleistungssouveränität ist demnach mehrdimensional, dynamisch und kooperativ. Sie ist kein Zustand, der einmal erreicht wird, sondern ein Prozess, der ständiger Anpassung bedarf. Besonders wichtig: Wahrnehmung und Kommunikation spielen eine zentrale Rolle. Selbst die beste technische Lösung nützt wenig, wenn sie nicht verstanden oder nicht als wertvoll erkannt wird.
Die Konferenz am Fraunhofer IAO in Heilbronn war Teil einer größeren Initiative. Das Forschungsverbundprojekt (DF)² untersucht seit mehreren Jahren, wie Dienstleistungen in Zeiten der Digitalisierung gestaltet werden können. Das Jahresthema 2025 lautete: Mit KI-Ökosystemen zu Dienstleistungssouveränität. Prof. Dr. Katharina Hölzle vom Fraunhofer IAO und Prof. Dr. Werner H. Kunz von der University of Massachusetts Boston gehören zum Programmkomitee. Unterstützt wurde die Konferenz von Dr. Jens Neuhüttler, ebenfalls Fraunhofer IAO.
Das Arbeitspapier ist Ergebnis einer Zusammenarbeit mehrerer Forscherinnen und Forscher: Prof. Dr. Tilo Böhmann von der Universität Hamburg, Jakob Guhl vom Fraunhofer IAO, Dr. Peter Hottum vom Karlsruher Institut für Technologie, Prof. Dr. Katharina Hölzle vom Fraunhofer IAO, Dr. Jens Neuhüttler vom Fraunhofer IAO, Prof. Dr. Angela Roth von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Prof. Dr. Gerhard Satzger vom Karlsruher Institut für Technologie, Prof. Dr. Carsten Schultz von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Dr. Matthäus Wilga von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Gefördert wird das Projekt SHAPE vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt über den Projektträger Karlsruhe. Heilbronn dient dabei als Beispiel für ein entstehendes KI-Ökosystem. Der Bildungscampus der Dieter Schwarz Stiftung bringt verschiedene Akteure zusammen: Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen. Genau solche Strukturen sind es, die das Arbeitspapier als Voraussetzung für Dienstleistungssouveränität beschreibt.
Die Diskussionen am 30. September 2025 haben gezeigt: Souveränität ist kein Selbstzweck. Es geht darum, dass Menschen und Organisationen ihre Werte auch in einer zunehmend von KI geprägten Welt leben können. Dass sie Entscheidungen treffen, die ihren Interessen entsprechen. Und dass sie dabei nicht isoliert handeln müssen, sondern in Netzwerken agieren können, die auf Vertrauen und fairen Regeln basieren.
Das Arbeitspapier ist kein Schlusspunkt, sondern ein Ausgangspunkt. Es formuliert Fragen und zeigt Handlungsfelder auf. Die Antworten müssen in den kommenden Jahren gefunden werden, in Forschung, Wirtschaft und Politik. Der Bildungscampus Heilbronn wird dabei weiterhin eine Rolle spielen. Als Ort, an dem unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen. Und als Beispiel dafür, dass Souveränität nicht bedeutet, allein zu sein, sondern gemeinsam zu handeln.