Fraunhofer HNFIZ Heilbronn: Whitepaper zur Weiterbildung im Zeitalter des »Brain Fry«

Von Redaktion, Fotos:  ChatGPT / Robert Mucha

Das Forschungs- und Innovationszentrum für Future Skills, Teil der Fraunhofer Heilbronn Forschungs- und Innovationszentren (HNFIZ), hat ein Whitepaper zur betrieblichen Weiterbildung veröffentlicht. »The Human Mind in Learning« verbindet neurowissenschaftliche und psychologische Erkenntnisse mit konkreten Empfehlungen. Die Autorinnen und Autoren skizzieren vier Zukunftsszenarien für das Lernen in Unternehmen bis 2035. Das Papier steht kostenlos zum Download bereit.

Es gibt eine Spannung im modernen Berufsleben, die viele Beschäftigte kennen, aber selten benennen können. Auf der einen Seite steigt der Anspruch an kontinuierliche Weiterbildung. Nach den im Whitepaper zitierten Prognosen brauchen bis 2030 etwa 60 Prozent aller Beschäftigten neue Kompetenzen. Auf der anderen Seite leiden dieselben Menschen unter dem, was die Fraunhofer-Forschenden »Brain Fry« nennen: kognitive Erschöpfung durch permanente Erreichbarkeit, Multitasking und Informationsflut. Wer überlastet ist, lernt schlecht. Wer schlecht lernt, fällt zurück. Wer zurückfällt, gerät unter weiteren Druck. Wie diese Spirale durchbrochen werden kann, ist das Thema des neuen Whitepapers aus dem Heilbronner Future Skills-Zentrum.

Was im Whitepaper steht

Verantwortlich für die Publikation ist ein Team um Dr. Nektaria Tagalidou, Psychologin am Fraunhofer IAO, und das Team Applied Neurocognitive Systems unter Leitung von Dr. Mathias Vukelic. Tagalidou fasst den Kerngedanken so zusammen: »Erfolgreiches Lernen braucht mehr als gute Wissensvermittlung. Es braucht den Blick auf den einzelnen Menschen.« Konkret heißt das: Bewährte didaktische Methoden wie verteiltes Wiederholen (»Spaced Repetition«) und aktives Abrufen (»Retrieval Practice«) sichern Wissen langfristig. Der Mythos der angeblichen Lerntypen, nach dem Menschen entweder visuell, auditiv oder kinästhetisch lernen, wird von der Forschung nicht bestätigt. Lernen ist kontextabhängig und sehr individuell. Entscheidend sind nach Tagalidou Motivation, Selbstwirksamkeit und das Erleben von Flow, also das konzentrierte Aufgehen in einer Aufgabe.

Vier Szenarien bis 2035

Das Whitepaper skizziert am Ende vier Zukunftsszenarien der betrieblichen Weiterbildung, gestaffelt über die kommenden zehn Jahre. Im ersten Schritt, bis Ende 2027, geht es um eine neuroergonomische Lernorganisation. Sie kommt ohne neue Technologien aus: Fokuszeiten werden im Kalender verankert, Trainings in kurze Einheiten gegliedert, Abrufaufgaben integriert. Parallel dazu sollen Mitarbeitende ein lernanalytisches Selbstprofil entwickeln können, das ihre kognitiven und psychologischen Voraussetzungen abbildet. Ab 2028 kommen Neurotechnologien wie Eye-Tracking dazu, die die mentale Belastung während des Lernens in Echtzeit erfassen und Lerntempo, Komplexität oder Pausen anpassen. Ab 2032 schließlich ist eine vollständig integrierte, neuroadaptive Lernorganisation denkbar. Das Whitepaper betont, dass diese Entwicklung den Menschen nicht überwachen, sondern unterstützen soll.

Das Future Skills-Zentrum

Das Forschungs- und Innovationszentrum für Future Skills gehört zu den Fraunhofer Heilbronn Forschungs- und Innovationszentren (HNFIZ) und wird gemeinsam vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO sowie dem Fraunhofer-Informationszentrum Raum und Bau IRB betrieben. In Heilbronn forscht es zur Frage, wie sich Menschen, Organisationen und Räume auf die Anforderungen einer sich verändernden Arbeitswelt einstellen. Die Themenkombination passt zur Heilbronner Wissensstadt-Logik: KI-Forschung am IPAI Campus, Stiftungsprofessuren an der Hochschule Heilbronn, neue Studienformate an DHBW und DHBW CAS, dazu jetzt eine Forschungseinheit, die sich explizit mit dem menschlichen Lernen unter den neuen technologischen Bedingungen befasst.

Das Whitepaper »The Human Mind in Learning« kann kostenlos auf publica.fraunhofer.de heruntergeladen werden. Jedes Kapitel enthält laut Mitteilung des Instituts ein praxisorientiertes »Goodie« mit konkreten Tipps für lernförderliche Bedingungen, die sich sofort umsetzen lassen.

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