Von Redaktion, Foto: Daniel Winkler / ETH Zürich
Als Joachim Buhmann zum ersten Mal von den Plänen der ETH Zürich für Heilbronn hörte, dachte er: „Ein mutiger Plan!“ Und gleich danach: „Was wollen wir da?“ Seit Januar ist der emeritierte Informatikprofessor der akademische Direktor des ETH Zürich Campus Heilbronn. Im Interview mit der ETH erklärt er, warum er sich eher als Koordinator sieht, was maschinelles Lernen mit der Zukunft der Wissenschaft zu tun hat und warum er trotzdem nicht ganz nach Heilbronn ziehen wird.
Joachim Buhmann ist Schwabe, wenn auch, wie er selbst sagt, von weiter südlich. Aus Friedrichshafen. Von 2003 bis 2024 war er ordentlicher Professor für Informatik an der ETH Zürich, davor zehn Jahre an der Universität Bonn. Sein Fachgebiet: Mustererkennung, Datenanalyse, maschinelles Lernen. Jetzt, im Ruhestand, übernimmt er eine Aufgabe, die es so an der ETH noch nicht gegeben hat. Er soll mitgestalten, was in Heilbronn entsteht.

Was am ETH Zürich Campus Heilbronn entstehen soll
Die ETH Zürich baut auf dem Bildungscampus der Dieter Schwarz Stiftung ein Lehr- und Forschungszentrum auf. In den kommenden 30 Jahren sollen dort schrittweise 15 Professuren eingerichtet werden. Die thematische Klammer heißt laut ETH „Applied Artificial Intelligence for Science and Engineering“. Die ersten Professuren wurden im Herbst 2025 ausgeschrieben und nehmen voraussichtlich 2026 ihre Arbeit auf, die ersten Studiengänge sollen 2027 folgen.
Buhmann formuliert die Vision im Interview mit der ETH Zürich so: „Wir schaffen das neue Denken.“ Denn die durch maschinelles Lernen ausgelösten Veränderungen beträfen nicht nur einzelne Fachgebiete, sondern „alles Denken“. Selbst die Physik werde inzwischen davon berührt. Konkret nennt er im Interview Beispiele: personalisierte Medizin, individualisiertes Lernen, aber auch Gesellschaftsmodelle, die das Verhalten einzelner Menschen abbilden.
Koordinator statt Direktor
Seinen offiziellen Titel trägt Buhmann mit einer gewissen Gelassenheit. Er sehe sich eher als Koordinator denn als Direktor, sagt er im Interview. „Es geht also darum, zu überzeugen.“ Zu seinen Aufgaben gehöre der Aufbau der Lehre am Campus Heilbronn und die Mitwirkung bei der Rekrutierung von Professorinnen und Professoren. Dabei gehe es ihm um thematische Kohärenz: Die künftigen Lehrstühle sollen zueinander passen. Gleichzeitig müsse es darum gehen, den „ETH-Geist in Heilbronn zu verankern“, wie Buhmann es nennt.
Im Alltag werde er vor allem mit Geschäftsführer Michele De Lorenzi zusammenarbeiten. Die strategische Verantwortung für den Campus liegt bei Boris Zürcher, dem Delegierten der ETH-Schulleitung. Buhmann selbst will einen Teil seiner Arbeitszeit in Heilbronn verbringen, ganz hinziehen möchte er allerdings nicht. Er habe acht Enkel in Zürich, sechs davon in unmittelbarer Nachbarschaft. „Dieses Glück möchte ich keinesfalls missen“, sagt er im Interview.
Warum Heilbronn für die ETH interessant ist
Dass Buhmann trotz Ruhestand die Aufgabe angenommen hat, hat auch mit dem Thema selbst zu tun. Die Chance, „auf einem Gebiet, in dem eine Revolution stattfindet, und das ich als meine intellektuelle Heimat betrachte, nochmals etwas zu bewegen“, sei einmalig, sagt er. Der Kontakt nach Heilbronn entstand über eine Summer School zum maschinellen Lernen im Juni 2025, die er auf Anfrage von De Lorenzi mitorganisiert hatte. Im Herbst sprach ihn ETH-Präsident Joël Mesot dann auf ein dauerhaftes Engagement an.

Heilbronn verortet Buhmann laut Interview auch im Kontext der baden-württembergischen Forschungslandschaft. Er nennt das Cyber Valley in Tübingen, das Max-Planck-Institut, die Universität Stuttgart und das Karlsruher Institut für Technologie. Die Frage, wie sich der ETH Zürich Campus Heilbronn gegenüber diesen Einrichtungen positioniere, werde in den kommenden Monaten zu beantworten sein. Ein Vorteil Heilbronns sei dabei die Fertigungsindustrie in Baden-Württemberg, die Buhmann als „Absatzmarkt für pädagogische Leistungen“ beschreibt.
Wie die endgültige Struktur des Campus aussehen wird, lässt Buhmann bewusst offen. Er spricht von einer „Prototyp-Administration“, nicht von einem fertigen Department wie in Zürich. „Ich denke, wir müssen das Ganze entstehen lassen“, sagt er. Das gilt auch für seine eigene Rolle: „Wenn wir früh eine Person finden, die sich als Gründungs-Amtsvorsteher:in eignet, darf sie gerne meine Aufgaben übernehmen.“