Die Vermessung der Bewegung: Wie Heilbronn nach dem perfekten Weg durch die Stadt sucht

Von Robert Mucha, Foto: Ideogram/Robert Mucha

Wohin gehst du, Heilbronn? Das Fraunhofer IAO will es genau wissen und startet eine Studie, die unsere Wege durch die Stadt kartografieren soll. Während Experten weltweit über die Mobilität der Zukunft diskutieren, beginnt die Revolution vielleicht direkt vor unserer Haustür – mit einer 15-minütigen Umfrage und der Chance auf einen 10-Euro-Stadtgutschein.

Es gibt diese Momente im Stadtleben, die jeder kennt: Die verzweifelte Suche nach einem Parkplatz in der Innenstadt. Das Warten auf den Bus, der nie zu kommen scheint. Der E-Scooter, der mitten auf dem Gehweg liegt wie ein gestrandeter Wal. Mobilität ist das Nervensystem einer Stadt – wenn es stockt, spürt es jeder.

In Heilbronn, dieser Stadt am Neckar, die in den letzten Jahren mehr Veränderung erlebt hat als in den Jahrzehnten zuvor, stellen Forscher nun die Frage: Wie bewegen wir uns eigentlich durch unsere Stadt? Und wie könnten wir es besser machen?

Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) hat eine Studie gestartet, die genau das herausfinden will. „Im Rahmen des mFUND-Projekts ScooP2City befragen wir Bürgerinnen und Bürger in Heilbronn sowie deutschlandweit zu ihrem Mobilitätsverhalten“, heißt es in dem Aufruf zur Teilnahme. Was trocken klingt, könnte der Startschuss für eine kleine Revolution sein.

Denn während auf dem Bildungscampus über Künstliche Intelligenz geforscht wird und in den Startup-Inkubatoren die digitale Zukunft entsteht, spielt sich das alltägliche Leben noch immer auf den Straßen und Wegen der Stadt ab. Hier, wo die großen Visionen auf den Asphalt der Realität treffen, wird sich entscheiden, ob Heilbronn nicht nur klüger, sondern auch lebenswerter wird.

Die Befragung dauert 15 bis 20 Minuten und dreht sich um drei Kernthemen: Wie bewegen sich die Menschen in Heilbronn? Nutzen sie Sharing-Angebote wie Leihfahrräder oder E-Scooter? Und wie sollten Mobilitätsstationen – jene Orte, an denen verschiedene Verkehrsmittel zusammenkommen – gestaltet sein?

Es ist eine Studie, die auf den ersten Blick nur Verkehrsplaner und Stadtentwickler interessieren mag. Doch sie berührt eine Frage, die jeden betrifft: Wie wird sich das Leben in unseren Städten verändern, wenn wir nicht mehr auf ein eigenes Auto angewiesen sind? Wenn die Straßen nicht mehr von parkenden Blechkisten gesäumt sind, sondern Raum bieten für Begegnung und Leben?

In Heilbronn ist diese Frage besonders relevant. Die Stadt, einst geprägt von Industrie und Handel, hat sich in den letzten Jahren zu einem Bildungs- und Innovationszentrum entwickelt. Der Bildungscampus, die TUM, die Fraunhofer-Institute – sie alle haben Menschen in die Stadt gebracht, die andere Ansprüche an Mobilität haben als die Generation zuvor. Junge Studierende, die kein eigenes Auto besitzen, internationale Forscher, die gewohnt sind, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen, Startups, die nach nachhaltigen Lösungen suchen.

Gleichzeitig hat Heilbronn eine Topographie, die Mobilität herausfordernd macht. Die Stadt erstreckt sich entlang des Neckars, ist von Hügeln umgeben und hat Stadtteile, die weit vom Zentrum entfernt liegen. Wer hier von A nach B kommen will, muss oft kreativ sein.

Die Forscher des Fraunhofer IAO wollen nun wissen, wie diese Kreativität aussieht. Welche Wege die Menschen nehmen, welche Verkehrsmittel sie kombinieren, welche Hürden sie überwinden müssen. Es ist eine Art Vermessung der Bewegung, eine Kartierung des städtischen Nervensystems.

Als Anreiz zur Teilnahme werden fünf Stadtgutscheine im Wert von je 10 Euro verlost – ein bescheidener Betrag, aber symbolisch passend für eine Studie, die letztlich dazu beitragen soll, dass wir uns in unserer Stadt kostengünstiger, effizienter und nachhaltiger fortbewegen können.

Die Ergebnisse der Studie werden in das Projekt ScooP2City einfließen, das vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr im Rahmen der mFUND-Förderung unterstützt wird. Es ist Teil einer größeren Bewegung, die Städte nicht nur smart, sondern auch lebenswert machen will.

In Heilbronn könnte diese Bewegung auf besonders fruchtbaren Boden fallen. Die Stadt hat in den letzten Jahren bewiesen, dass sie bereit ist, neue Wege zu gehen – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Bundesgartenschau 2019 hat das Stadtbild verändert, neue Grünflächen und Verbindungswege geschaffen. Der Bildungscampus hat einen ganzen Stadtteil transformiert. Und Projekte wie der Experimentierraum für nachhaltige Mobilität zeigen, dass hier nicht nur über Veränderung gesprochen, sondern auch gehandelt wird.

Die Umfrage des Fraunhofer IAO ist ein weiterer Schritt auf diesem Weg. Sie gibt den Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit, ihre Erfahrungen und Ideen einzubringen – und so Teil einer Entwicklung zu werden, die weit über den Verkehr hinausgeht. Denn wie wir uns bewegen, prägt auch, wie wir leben, arbeiten und miteinander umgehen.

Vielleicht liegt in dieser unscheinbaren Online-Befragung der Keim für ein neues Heilbronn – eine Stadt, in der Mobilität nicht nur bedeutet, von A nach B zu kommen, sondern Teil eines lebenswerten, nachhaltigen und gemeinschaftlichen Stadtlebens zu sein. Ein Heilbronn, das nicht nur auf dem Bildungscampus und in den Innovationszentren, sondern auch auf seinen Straßen und Plätzen die Zukunft gestaltet.

Wer teilnehmen und mitgestalten möchte, findet die Umfrage auf der Website des Fraunhofer IAO. Es sind 15 Minuten, die vielleicht dazu beitragen können, dass wir uns in Zukunft alle besser durch unsere Stadt bewegen können – auf Wegen, die noch niemand vermessen hat.

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