Die vergessene Minderheit: Warum Schulen zu Community-Zentren werden müssen

Von Redaktion, Foto: aim

Politikwissenschaftler Sebastian Kurtenbach fordert bei der aim Bildungskonferenz einen radikalen Kulturwandel – und sieht die Boomer-Generation als ungenutztes Potenzial

Die Zahlen sind eindeutig: Kinder sind in Deutschland zur Minderheit geworden. In einer alternden Gesellschaft, die von Rentendebatten und Pflegekosten dominiert wird, geraten ihre Bedürfnisse aus dem Blick. Sebastian Kurtenbach will das ändern. Der Politikwissenschaftler von der FH Münster, der gemeinsam mit Aladin El-Mafaalani und Klaus Peter Strohmeier das Buch „Kinder – Minderheit ohne Schutz. Aufwachsen in der alternden Gesellschaft“ veröffentlichte, hielt bei der aim Bildungskonferenz 2025 die Opening Keynote – und stellte dabei gewohnte Denkmuster auf den Kopf.

„Es fängt damit an, dass wir Kindern wirklich zuhören; das machen wir nämlich nur sehr eingeschränkt“, sagt Kurtenbach im Gespräch mit aimBlicke. „Stattdessen glauben wir zu wissen, was Kinder brauchen, ohne sie selbst zu Wort kommen zu lassen.“ Was nach einem simplen pädagogischen Grundsatz klingt, hat für den Wissenschaftler weitreichende Konsequenzen. Er fordert nichts weniger als einen „tiefgreifenden Kulturwandel“ – und hat dafür konkrete Vorschläge.

Sein radikalster Ansatz: Schulen sollen zu Community-Zentren werden. Keine abgeschlossenen Sonderumwelten mehr, sondern Stadtteilcampusse, in denen Bildung, Nachbarschaft und Engagement verschmelzen. „Die Schule profitiert von Lesepatenprogrammen bei der Leseförderung, Kinder nehmen zum Beispiel am wöchentlichen Training der freiwilligen Feuerwehr teil, Vereine finden Nachwuchs, Eltern und Großeltern finden dort ebenso Platz und sind in das Campusleben eingebunden“, skizziert Kurtenbach seine Vision gegenüber aimBlicke. Am Ende profitierten alle – „aber dafür braucht es einen anderen organisatorischen Ansatz, bei dem Schule auch etwas von ihrer Gestaltungskompetenz abgeben darf.“

Was utopisch klingt, hat für Kurtenbach eine solide wissenschaftliche Basis. Die UWE-Studien unter Leitung von Klaus Peter Strohmeier hätten anhand umfassender Befragungen von Schülerinnen und Schülern gezeigt: „Kindern geht es messbar besser, wenn es eine erwachsene Person gibt, der sie wichtig sind“, erklärt er. Das subjektive Wohlbefinden steige – „und mit ihm indirekt auch die schulische Motivation und Leistungsbereitschaft.“

Hier kommt eine Ressource ins Spiel, die bisher kaum genutzt wird: die Boomer-Generation. Kurtenbach sieht in den alternden Babyboomern ein „enormes gesellschaftliches Potenzial“, das systematisch erschlossen werden müsse. „Die heutige Großelterngeneration hat historisch einmalige Voraussetzungen: Sie ist nicht nur zahlenmäßig groß, sondern auch vergleichsweise gesund, gut gebildet, mobil, finanziell besser abgesichert als vorherige Generationen – und vielfach technikkompetent.“

Sein Ziel ist ambitioniert: Mindestens zehn Prozent der Boomer sollen für ein Engagement mit Kindern und Jugendlichen gewonnen werden. Dafür brauche es „gezielte Ansprache durch Kommunen, Wohlfahrtsverbände und Stiftungen, aber auch Anreize“, sagt er im Interview mit aimBlicke. Neben Honoraren oder Steuervorteilen wirkten auch öffentliche Anerkennung und sichtbare Wertschätzung.

Das Engagement müsse dabei nicht immer regelmäßig sein. „Auch projektförmige oder bedarfsorientierte Formate sind möglich: Lesepatenschaften, handwerkliche Einblicke, Vorlesestunden in Kitas, Hausaufgabenhilfe, Mentoring oder gemeinsames Kochen und Gärtnern im Stadtteil“, zählt Kurtenbach auf. Die Community-Zentren böten hier ideale Anknüpfungspunkte.

Dabei gehe es nicht um einseitige Hilfe. „Auch Ältere profitieren. Sie erleben Sinn, Zugehörigkeit und Wirksamkeit im Ruhestand“, betont der Politikwissenschaftler. Studien zeigten, dass soziales Engagement im Alter das Wohlbefinden steigere, Einsamkeit reduziere und die eigene Lebenszufriedenheit erhöhe. „Kurz gesagt: Eine engagementfreundliche Gesellschaft tut allen gut.“

Für Heilbronn, das sich mit enormen Investitionen zur Wissensstadt entwickelt, könnten Kurtenbachs Ideen besonders relevant sein. Während auf dem Bildungscampus über die Zukunft der Bildung geforscht wird, bietet sein Ansatz eine praktische Vision: Schulen als offene Orte, die den ganzen Stadtteil einbeziehen. In einer Stadt, die Bildung zur Priorität erklärt hat, könnte die Verbindung von Jung und Alt, von formaler Bildung und bürgerschaftlichem Engagement, zum Modell werden.

„Damit solche Konzepte Realität werden, braucht es mutige Macherinnen und Macher, die nicht nur zeigen, dass es geht, sondern auch, wie es geht“, sagt Kurtenbach. Seine Botschaft ist eindeutig: „Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir es uns leisten können, diese Ressource zu mobilisieren. Sondern: Können wir es uns leisten, es nicht zu tun?“

In einer alternden Gesellschaft, in der Kinder zur Minderheit werden, brauche es neue Allianzen. Kurtenbachs Vision der Community-Zentren zeigt: Gute Orte für Kinder sind gute Orte für alle. Die aim Bildungskonferenz hat damit einen Impuls gesetzt, der weit über Heilbronn hinausreicht.

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