Die stille Revolution im Einzelhandel: Wie Smart Stores die Dorfläden von morgen werden

Von Redaktion, Foto: DHBW Heilbronn

Keine Verkäufer, dafür 24 Stunden geöffnet – in Heilbronn diskutierten Experten bei den Retail Innovation Days der DHBW Heilbronn über die Zukunft des Einkaufens. Was als technisches Experiment begann, erobert jetzt die ländlichen Regionen. Eine Reportage über Metzgereien ohne Personal, Bauern mit eigenen Verkaufscontainern und die Frage, ob wir auch am Sonntag einkaufen sollten.

Sie hören keinen freundlichen Gruß, wenn sie eintreten. Niemand fragt nach ihren Wünschen oder empfiehlt das frische Filet an der Theke. Und doch: Die Kunden kommen. Nicht trotz, sondern wegen der fehlenden Bedienung. Bei der Metzgerei Heißener Hof ist bis 22 Uhr geöffnet, sieben Tage die Woche. „Die Kunden schätzen vor allem, dass der Einkauf sehr schnell geht“, erklärt Inhaber Johann Steineshoff. Der Sonntag allein bringt 20 Prozent des Wochenumsatzes.

Was nach Zukunftsmusik klingt, ist längst Realität – und das in einer Branche, die traditionell vom persönlichen Kontakt lebt. Bei den Retail Innovation Days der DHBW Heilbronn trafen sich vergangene Woche die Pioniere dieser stillen Revolution, um Bilanz zu ziehen und in die Zukunft zu blicken. Die Zahlen, die Prof. Dr. Stephan Rüschen vom Studiengang Retail Management präsentierte, sprechen eine deutliche Sprache: Seit dem ersten Smart Store 2019 ist die Branche auf 723 Läden in Deutschland angewachsen.

„One size does not fit all“ – diese Erkenntnis zieht sich wie ein roter Faden durch die Branche. Der Logistik-Experte Lekkerland, der sich in kürzester Zeit zum Händler entwickelt hat, setzt auf unterschiedliche Formate: Grab and Go Stores, Rewe Ready an E-Ladestationen oder Smart Fridges für hochfrequentierte Standorte wie Bahnhöfe. Diese KI-gesteuerten Kühlschränke können innerhalb von zwei Tagen aufgestellt werden und rentieren sich bei 40 Käufen pro Tag bereits nach eineinhalb Jahren.

Was sich wie ein technokratischer Traum anhört, hat einen höchst praktischen Hintergrund: Die ländliche Nahversorgung stirbt. Eine Studie von YouGov belegt, was viele Menschen auf dem Land längst spüren: Die Versorgung wird dünner und teurer. Eine Landkarte der GMA zeigt 966 „White Spots“ – Orte mit mindestens 1.000 Einwohnern, die außerhalb der Reichweite klassischer Einzelhändler liegen.

Genau hier setzen viele der neuen Konzepte an. Die V-Märkte, eigentlich bekannt für ihre großen Verkaufsflächen, experimentieren mit teilautonomen V-Minis auf 100-400 Quadratmetern. „Die Musik spielt bei uns in der Großfläche“, gibt Geschäftsführer Michael Stöckle zu. Doch die Mini-Läden sollen wichtige Erkenntnisse liefern, die später auf den großen Flächen umgesetzt werden können.

Noch weiter geht Tante Enso. Was mit 18 Mitgliedern begann, ist auf 55.000 Genossen angewachsen. Das Konzept: Die Dorfbewohner werden zu Teilhabern. Jeder neue Standort muss innerhalb von vier Wochen 300 Genossen gewinnen, erst dann wird gebaut. 41 neue Verträge sind bereits unterschrieben. Bald sollen die ersten Smart Stores mit Bürger-Service-Centern starten, in denen Passfotos gemacht oder der Führerschein verlängert werden kann. Sogar telemedizinische Versorgung ist denkbar.

Denn eines wird bei allen Diskussionen klar: Ein Dorfladen ist mehr als ein Ort der Grundversorgung. Er ist ein sozialer Treffpunkt, ein Ort des Austauschs. Was früher die Verkäuferin leistete, muss heute anders organisiert werden. Regionalität spielt dabei eine zentrale Rolle. „Es ist wichtig regional zu sein, weil die regionalen Produzenten ein Gesicht haben“, erklärt Michael Schwaer von YouGov.

Diesen Gedanken greift auch André Tiede von der Yobst GmbH auf. Seine Vision: „Ein Amazon für Landwirte.“ In Verkaufscontainern können Landwirte ihre Produkte direkt vermarkten. Die Zahlungsabwicklung und Warenwirtschaft übernimmt Yobst. Tiedes wichtigste Erkenntnis: „Man braucht auch Reis und Alufolie“ – ein ausschließlich regionales Sortiment funktioniert nicht.

Auch traditionelle Handwerker entdecken die neuen Möglichkeiten. Der Sylt-Bäcker Raffelhüschen hat sein Traditionshandwerk mit digitaler Technik verknüpft, um unrentable Filialen zu retten. Die Herausforderung: Die künstliche Intelligenz muss kleinste Mengen erkennen und Abweichungen bei den Backwaren berücksichtigen.

Für den Biohof Peters am Steinhuder Meer war das System von Lokbest „die Rettung für unseren Hofladen“, wie Inhaberin Kerstin Peters berichtet. Mit überschaubaren Investitionen für Türschloss, Kameratechnik und QR-Scanner haben sie 1.500 neue App-Nutzer gewonnen. „Wir konnten vor allem junge Kunden gewinnen, aber auch die Kundschaft über 60 steht der neuen Technik aufgeschlossen gegenüber.“

Natürlich gibt es auch Schattenseiten. Die Bezahlsysteme bleiben ein Nadelöhr, immer wieder treten Probleme bei Kartenzahlungen auf. Oliver Hommel von EURO Kartensysteme GmbH arbeitet an Lösungen mit der Girocard, um Zahlungen und Kundenbindungsprogramme in einem Vorgang zusammenzufassen.

Und dann ist da noch die Frage nach dem Sonntag. Während Christian Maresch von Tante M betont: „Ohne Sonntag gibt es keinen Montag und Dienstag“, stellt die Sonntagsallianz die Gegenfrage: „Macht Dauer-Rausch-Kaufen glücklicher?“ Der CDU-Landesvorsitzende Thomas Vogt kündigte an, dass es noch in diesem Jahr eine neue Regelung zur Sonntagsöffnung in Baden-Württemberg geben soll.

Was bei allen technischen Diskussionen leicht übersehen wird: Hinter jedem Smart Store stehen Menschen, die neue Wege gehen. Manchmal sind es Traditionsbetriebe, die nach einem Ausweg suchen. Manchmal Jungunternehmer mit frischen Ideen. Immer aber geht es um die Frage: Wie können wir die Versorgung sicherstellen, wenn sich der klassische Einzelhandel zurückzieht?

Die Antwort darauf ist so vielfältig wie die vorgestellten Konzepte. Von der Metzgerei mit Selbstbedienung bis zum Genossenschaftsladen mit Bürgerservice – Smart Stores sind kein einheitliches Phänomen, sondern ein Experimentierfeld für die Zukunft des Handels.

Die Frage ist nicht mehr, ob Smart Stores bleiben werden, sondern wie viele der 966 unterversorgten Ortsteile in den nächsten Jahren einen solchen Laden bekommen werden. In Heilbronn jedenfalls, wo die DHBW mit ihrem Studiengang Retail Management solche Innovationen vorantreibt, dürfte die Entwicklung mit besonderem Interesse verfolgt werden. Die Stadt, die sich als Wissensstadt neu erfindet, ist auch beim Einzelhandel der Zukunft ganz vorn dabei.

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