Der Neue im Stadtarchiv Heilbronn, der entscheidet, was bleibt: Raphael Schmitz

Raphael Schmitz ist neu im Stadtarchiv Heilbronn und erklärt seine Faszination für Geschichte und Gegenwart – und warum angesichts schmaler Bestände unkonventionelles Denken wichtig ist.

Von Claudia Ihlefeld Foto: Andreas Veigel

Irgendwas mit Geschichte wollte er immer schon machen. “Ich werde Historiker und ein wichtiger Professor”, hatte sich Raphael Schmitz als kleiner Junge überlegt.

Aufgewachsen bei Landau, hat sich Schmitz für die mittelalterlichen Burgen der Pfalz und ihre Vergangenheit interessiert, sich im Lauf der Jahre dann aber gegen ein Studium entschieden. Zu theoretisch. Heute ist der 28-Jährige Stadtarchivoberinspektor in Heilbronn, wenngleich er über die offizielle Bezeichnung im Beamtendeutsch schmunzeln muss.

Von wegen eine verstaubte Angelegenheit

Als Nachfolger von Walter Hirschmann und Kollege von Archivarin Miriam Eberlein arbeitet sich Raphael Schmitz im Moment ein. Sein Job, eine verstaubte Angelegenheit? Aus dem Mittelalter ist Gegenwart mit digitalem Denken geworden, räumt er mit einem Klischee auf.

Ob etwas archivwürdig oder -reif ist, entscheidet Schmitz. Im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen. Ein konkretes Beispiel? Gemeinderatsprotokolle sind fast immer archivwürdig. Anders als Massenakten beziehungsweise Einzelfälle etwa des Sozialamtes. “Da reicht eine Beispielüberlieferung.”

Als Akte oder als digitales Dokument nutzbar machen

Schmitz” Aufgabe ist es nicht, manisch zu sammeln wie ein Messie. Nur, um die Fahrregale zu füllen in den Magazinräumen in zwei Untergeschossen des Stadtarchivs in der Eichgasse. Schmitz” Aufgabe ist es, auszuwählen und Material wie aktuelle Protokolle und relevante Unterlagen, überwiegend Akten aus der Stadtverwaltung, zu erschließen. Das heißt, generell nutzbar machen, als Akte oder als digitales Dokument.

“Jeder und jede kann für eine Recherche ins Archiv kommen.” Sein Handwerk hat Raphael Schmitz von der Pike auf gelernt, nach dem Abitur beim Praktikum im Stadtarchiv Landau. Aus zwei Wochen wurden zwei Monate und ein Bundesfreiwilligendienstjahr.

Studium beim Landesarchiv Baden-Württemberg

Auf den Bufdi folgte die Ausbildung zum Fachangestellten für Medien und Informationsdienste, kurz Fami, in Halle. Und nach drei Jahren dann das erneut dreijährige Studium beim Landesarchiv Baden-Württemberg in Stuttgart. Davon hat Schmitz die meiste Zeit in Marburg verbracht, am Deutschen Institut für Archivwissenschaft, der Archivschule.

Dass die Bombardierung Heilbronns etwa 70 Prozent der Archivunterlagen zerstört hat, ist bekannt. Ein Teil war bereits davor evakuiert worden, Highlights etwa aus dem Mittelalter befinden sich seit 1803 sowieso im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart. Und doch hat Heilbronn nicht nur Zeugnisse der Gegenwart, sondern auch eine Geschichte.

Jüngster Zugang: Der Nachlass von Stimme-Journalist Uwe Jacobi

Dazu gehört die Überlieferung sogenannter nicht amtlicher Unterlagen. Das Robert-Mayer-Archiv zum Beispiel mit Stücken von und über den Heilbronner Arzt, der den Energieerhaltungssatz formulierte. Der Nachlass des einstigen Stimme-Fotografen Hermann Eisenmenger. Oder als jüngster Zugang der Nachlass von Stimme-Journalist und Autor Uwe Jacobi.

Auch wenn die lückenlose Überlieferung im Heilbronner Stadtarchiv erst nach 1945 einsetzt, erzählt Raphael Schmitz, gibt es wenige ältere Stücke aus dem späten Mittelalter, der frühen Neuzeit sowie Quellen aus der reichsstädtischen Zeit Heilbronns. Not macht erfinderisch.

Bei der Bilderkennung arbeitet das Stadtarchiv Heilbronn mit KI

“Aufgrund der vielen Verluste ist das Stadtarchiv ein Archiv, das unkonventionell und innovativ denkt.” Da gibt es zum einen eine “überaus umfangreiche” Presseausschnittsammlung zu allen möglichen Themen zu Heilbronn und Umgebung. Im Bereich digitale Langzeitarchivierung – und das hat Raphael Schmitz bei seiner Überlegung, sich zu bewerben, überzeugt – ist Heilbronn sehr aktiv und das seit langem. So arbeitet das Stadtarchiv bei der Fotoerschließung mit Künstlicher Intelligenz. Das heißt, die Bilderkennung schlägt vor, wer eine Person ist und macht dafür mehrere Angebote.

Obgleich dies nicht sein unmittelbares Arbeitsfeld betrifft, wie gesagt, Schmitz entscheidet über Eingänge, die er dann erschließt: Die Möglichkeiten des Stadtarchivs faszinieren ihn.

“Mir ist eine korrekte Sprache wichtig”

“Ich möchte mit meiner Sprache niemanden ausschließen”, erklärt Raphael Schmitz dann noch im Gespräch, warum er so selbstverständlich gendert und ihm das “nicht schwerfällt. Weder mündlich noch schriftlich”. “Mir persönlich ist eine korrekte Sprache wichtig”, fährt Schmitz fort. Und wechselt das Thema.

Der Jazzfreund hat überrascht registriert anhand alter Plakate, die im Flur beim Deutschhofkeller im VHS-Gebäude hängen, welche Größen der Jazzclub Cave 61 einst in die Region geholt hat. Chick Corea, Benny Golson und andere.

Schmitz selbst war in seinen ersten Heilbronner Wochen wohl noch nicht im Cave in dessen aktuellem Domizil im Alten Theater Sontheim. Aber das kann ja werden.

Zur Person

Geboren 1994 in Karlsruhe, wächst Raphael Schmitz bei Landau auf und macht nach dem Abitur ein erstes Praktikum beim Stadtarchiv Landau. Nach einem Bundesfreiwilligendienstjahr im Archiv und einer dreijährigen Ausbildung in Halle zum Fachangestellten für Medien und Informationsdienste studiert Schmitz am Landesarchiv Baden-Württemberg in Stuttgart und am Deutschen Institut für Archivwissenschaft in Marburg. Seit Oktober ist der 28-jährige Jazzfreund in der Nachfolge von Walter Hirschmann Stadtarchivoberinspektor in Heilbronn.

Mit freundlicher Genehmigung der Stimme Mediengruppe & der Heilronner Stimme