Von Redaktion, Foto: aim
Die Akademie für Innovative Bildung und Management (aim) präsentiert in ihrem Blog ein zukunftsweisendes Schulmodell aus Nordrhein-Westfalen. Anna Fröhlich, Schulleiterin der Grundschule Westersburg in Solingen, bricht mit starren Unterrichtsstrukturen und setzt auf einen „rhythmisierten Ganztag“, der kindliche Bedürfnisse ins Zentrum rückt. Ein Konzept, das die Bildungslandschaft verändern könnte.
Die Neonröhren an der Decke, die Nummernzettel in der Hand, die Reihen aus Plastikstühlen gefüllt mit Menschen, die auf Die schmalen Sitzreihen, die tickende Uhr an der Wand, die 45-Minuten-Taktung – seit Generationen folgt der Schulalltag denselben starren Mustern. Vormittags wird gelernt, nachmittags gespielt oder betreut. Die Schulglocke markiert Anfang und Ende des Denkens, dazwischen heißt es: durchhalten. Doch muss Schule so sein?

Anna Fröhlich, Leiterin der Grundschule Westersburg in Solingen, setzt auf einen radikalen Gegenentwurf. In ihrem Beitrag für den aim-Blog beschreibt sie, wie ihre Schule ab dem Schuljahr 2025/26 die erste rhythmisierte Ganztagsklasse ab Jahrgang 1 einführt. „Ein ganztägiges Bildungsangebot, das nicht nur mehr Zeit zur Verfügung stellt, sondern diese Zeit auch anders strukturiert: näher an den Bedürfnissen der Kinder, eingebettet in verlässliche Beziehungen und getragen von multiprofessioneller Zusammenarbeit“, erklärt Fröhlich.
Der Unterschied zum herkömmlichen Modell liegt im bewussten Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung – über den ganzen Tag verteilt. Anstatt kognitive Anforderungen auf den Vormittag zu konzentrieren, werden Lernphasen, Bewegungszeiten, kreative Angebote und Ruhephasen rhythmisch über den Tag verteilt. „Kinder erleben so kein ‚Durchhalten bis zur Pause‘, sondern einen in sich stimmigen Tag, der ihren körperlichen, sozialen und emotionalen Bedürfnissen gerecht wird“, betont Fröhlich.
Dieser Ansatz wertet auch vermeintliche Nebenzeiten auf. Das morgendliche Ankommen, gemeinsames Frühstücken oder Mittagessen sind nicht bloße Randnotizen, sondern bewusst gestaltete Gelegenheiten für soziales und emotionales Lernen. Bewegungs- und Kreativangebote werden nicht als „Belohnung“ nach getaner Arbeit verstanden, sondern als gleichwertige Elemente eines ganzheitlichen Bildungsverständnisses.
Während Ganztagsschulen in vielen Bundesländern etabliert sind, ist der rhythmisierte Ganztag – also die bewusste Verzahnung von Unterricht, Freizeit, Bewegung und Erholung über den gesamten Schultag hinweg – nicht überall schulrechtlich verankert. Die Westersburg-Grundschule geht hier einen bemerkenswerten Weg, den die aim in ihrem Blog als Praxisbeispiel aus Nordrhein-Westfalen hervorhebt.
Eine Besonderheit des Konzepts: Jede Klasse wird von einem festen Tandem aus Klassenlehrkraft und pädagogischer Fachkraft begleitet. „Beide sind im Tagesablauf fest eingebunden und gestalten den Tag gemeinsam – nicht nur organisatorisch, sondern inhaltlich und pädagogisch“, erklärt Fröhlich. Regelmäßige Teamzeiten dienen der Reflexion, der Planung von Elterngesprächen oder der gemeinsamen Gestaltung von Projekten.
Diese Doppelbesetzung verändert auch die Elternarbeit grundlegend. Wenn zwei pädagogische Fachkräfte aus unterschiedlichen Professionen ein Kind begleiten, entsteht ein breiteres Bild seiner Entwicklung. „In Elterngesprächen wird nicht nur gefragt: ‚Wie läuft es im Matheunterricht?‘, sondern auch: ‚Wie kommt Ihr Kind im sozialen Miteinander zurecht? Was braucht es, um sich wohlzufühlen?'“, beschreibt Fröhlich. Diese Multiperspektivität mache Elternarbeit persönlicher, konkreter und verbindlicher.
Der rhythmisierte Tag folgt dabei einer klaren Struktur. Feste Zeiten, wiederkehrende Rituale und verlässliche Abläufe geben den Kindern Orientierung und Sicherheit. Gleichzeitig bleibt Raum für individuelle Förderung und spontane Projekte. Auch der Fachunterricht wird flexibler über den Tag verteilt – nicht nur auf den Vormittag beschränkt, sondern auch am Nachmittag, wenn die Lehrkräfte anwesend sind.

Für Anna Fröhlich ist der rhythmisierte Ganztag nicht einfach eine organisatorische Umstellung, sondern Ausdruck einer pädagogischen Grundhaltung: „Wir trauen Kindern zu, mit Freude zu lernen, wenn sie sich sicher fühlen. Wir wissen, dass Lernen mehr ist als Lesen und Rechnen – es ist auch Beziehung, Bewegung, Stille, Spiel und Mut zur Eigenständigkeit. All das braucht Zeit, Raum, Struktur – und Menschen, die begleiten, nicht nur unterrichten.“
Fröhlichs Vision eines gelungenen Schultags ist geprägt von ihrem Leitsatz „Bindung vor Bildung“ – ein Ansatz, den sie auch als Coachin, Referentin und Schulbuchautorin vertritt. Bei der aim Biko 2025 hielt sie den Impulsvortrag „Beziehungsnaher Übergang von der Kita in die Grundschule“, in dem sie für einen ganzheitlichen Blick auf kindliche Entwicklung plädierte.
Mit dem Start der ersten rhythmisierten Ganztagsklasse setzt die Grundschule Westersburg im kommenden Schuljahr diese Vision in die Praxis um – überzeugt, dass Schule sich anfühlen darf „wie ein guter Tag: abwechslungsreich, beziehungsstark, klar und zugewandt.“