30 Millionen Wörter Unterschied: Warum Bildungsforscher Hattie vor sprachloser Kindheit warnt

Von Redaktion, Foto: aim

Der neuseeländische Pädagogik-Star kehrt zum zweiten Mal binnen eines Jahres in die Wissensstadt zurück – heute Nachmittag diskutiert er über frühe Bildung

30 Millionen Wörter. Diese Zahl lässt John Hattie nicht los. So groß ist der Unterschied im Wortschatz, mit dem ein Fünfjähriger aus wohlhabendem Elternhaus im Vergleich zu einem gleichaltrigen Kind aus bildungsfernerem Milieu in Berührung kommt. Der neuseeländische Bildungsforscher, der gerade zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres in Heilbronn weilt, hat eine klare Botschaft: „Kinder brauchen Sprache, Sprache und nochmals Sprache“, sagt er im Interview mit der Heilbronner Stimme.

Was nach einer Binsenweisheit klingt, untermauert Hattie mit erschreckenden Beobachtungen aus seiner Forschung. „Manche Eltern reden mehr mit ihrem Hund als mit ihren Kindern. Das ist nicht im besten Interesse der Kinder.“ Der Mann, der 2008 mit seinem Buch „Visible Learning“ die Bildungswelt aufmischte und zeigte, wie entscheidend die Haltung von Lehrern für den Lernerfolg ist, nimmt kein Blatt vor den Mund.

Sein Rat an Eltern bei der Wahl der Kindertagesstätte ist pragmatisch: „Wird dort wenig gesprochen, dann schicken Sie Ihr Kind nicht hin.“ Selbst scheinbar banale Alltagsentscheidungen haben für ihn pädagogische Relevanz. Kinder, die in Buggys nach vorn gerichtet sitzen? „Sie sind passiv, es passiert nichts, es ist wie fernsehen“, kritisiert Hattie gegenüber der Heilbronner Stimme. Besser sei es, wenn die Kleinen den Eltern zugewandt sind – dann entstehe Dialog, dann wachse Sprache.

Der Forscher, der auf Einladung der Akademie für Innovative Bildung und Management (aim) nach Heilbronn kam, warnt vor einem weiteren Problem: Die in den ersten fünf Lebensjahren erzielten Lernfortschritte können zwischen fünf und acht Jahren wieder verloren gehen. Der Grund? „Schulen verlangen Gehorsam. Schulen bringen die Kinder dazu, nicht mehr nach dem Warum zu fragen, sondern nach dem Was“, analysiert Hattie. Diese Überbetonung des Gehorsams mache „einige der frühen Vorteile zunichte“.

Dabei plädiert der Neuseeländer keineswegs für antiautoritäre Erziehung. Vielmehr müsse man „kleinen Kindern beibringen, mit Verwirrung umzugehen, wie sie mit für sie beunruhigenden Situationen umgehen“. Innovative Lernumgebungen, in denen Kinder verschiedenen Reizen ausgesetzt sind, befürwortet er ausdrücklich: „Das ist die Welt, in der sie leben werden. Wir wollen sie nicht die ganze Zeit überbehüten.“

Was Heilbronn betrifft, zeigt sich der Bildungsexperte beeindruckt von der Entwicklung der Stadt. „Es gibt nicht viele Universitäten, an denen sich zwei Institutionen eine Bibliothek teilen“, bemerkt er mit Blick auf den Bildungscampus. „Das klingt nach einer trivialen Bemerkung, aber das passiert nicht sehr oft.“ Besonders das KI-Zentrum hat es ihm angetan, das er unbedingt wieder besuchen möchte.

Überhaupt die Künstliche Intelligenz: Sie sei „die größte Veränderung in meinem Leben“, sagt Hattie, warnt aber gleichzeitig vor „bemerkenswert negativen“ wie „bemerkenswert positiven Auswirkungen“. Mit Bedauern blickt er auf versäumte Chancen zurück: „Ich bedauere, dass wir vor zehn Jahren nie eine robuste Diskussion über Leitplanken für soziale Medien geführt haben. Heute zahlen wir einen schrecklichen Preis dafür.“

Hatties Besuch in Heilbronn ist mehr als eine akademische Stippvisite. Die Wissensstadt, die sich mit Investitionen der Dieter Schwarz Stiftung zu einem internationalen Bildungsstandort entwickelt, profitiert vom Dialog mit einem der einflussreichsten Bildungsforscher weltweit. Seine Erkenntnisse treffen hier auf fruchtbaren Boden – in einer Region, die Bildung zur Chefsache gemacht hat.

Heute Nachmittag: Wer John Hattie noch live erleben möchte, hat heute von 13 bis 17 Uhr bei der Veranstaltung „Lernen sichtbar machen: Chancen für pädagogisches Handeln in Kita & Grundschule“ auf dem Bildungscampus die Gelegenheit. Neben Hattie spricht auch die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Christina Schwer. Die Veranstaltung richtet sich an Fachkräfte aus Kita, Grundschule und Fachschulen.

Kurzentschlossene können sich noch anmelden unter: www.aim-akademie.org/veranstaltungen/warenkorb/kurs/Visible-Learning-in-Early-Childhood/252701HAEC

Melden Sie sich für unseren Newsletter an!